ROSENKRANZ-SÜHNEKREUZZUG UM DEN FRIEDEN DER WELT
RSK - Gebetsgemeinschaft für Kirche und Welt
Franziskanerplatz 4, A-1010 Wien, Tel.: (0043-1) 512 69 36, Fax: (0043-1) 513 01 86
Mail: zent@rsk-ma.at
 
 
Startseite
Aktuelles
Termine
Zeitschrift
Maria
Rosenkranz
Besinnung
Geschichte
Gründer
Kontakt

Lesejahr B

 

 

Halleluja. Halleluja.
Christus hat unsere Leiden auf sich genommen,
unsere Krankheiten hat er getragen.
Halleluja.

  
Gedanken zum fünften Sonntag im Jahreskreis
05.02.2012; 1 Kor 9,16-19.22-23

 "Befreiung" oder "Erlösung"?

 "Theologie der Befreiung" ist für viele heute der Schlüssel zu einem zeitgemäßen Programm christlicher Gemeinde: Im Namen Jesu die Armen aus der Versklavung durch die Besitzenden zu befreien, wie JHWH das geknechtete Volk Israel aus der Herrschaft der Pharaonen befreite, Jesus und Paulus die Freiheit von der Versklavung durch den Buchstaben des jüdischen Gesetzes brachten! Soweit eine solche "Theologie der Befreiung" zu politishcen Aktivitäten im Geist Jesu ermutigt, kann man ihr nur zustimmen. Einspruch muss aber erhoben werden, wenn die politische Befreiung als vornehmliches oder gar einziges Ziel gilt: wird dann nämlich nicht das Hauptanliegen des Evangeliums verfehlt? Auf dieses verweist die heutige Lesung.

 Paulus hatte in Korinth die Befreiung von den jüdischen Speisevorschriften verkündet. Das hatte seine Konsequenzen für das gesellschaftliche Leben, etwa bei Mahlzeiten in jüdischen Häusern oder bei der Teilnahme an Gedächtnismählern , wo Fleisch von Götzenopfern verzehrt wurde. Nicht wenige "starke" ("mündige") Christen beriefen sich dabei auf ihre "Freiheit"; sie verleiteten dadurch aber andere (die "Schwachen"), die sich noch an die alten Vorschriften gebunden fühlten, gegen das eigene Gewissen zu handeln und Schuld vor Gott auf sich zu laden ( 1 Kor 8,1-13).

 Diesem rücksichtslosen Pochen auf die eigene Freiheit stellt Paulus sein eigenes Verhalten gegenüber: Obwohl er "frei" ist "von allen" (wörtlich) und sich somit an keinen Menschen gebunden weiß, hat er sich selbst zum Unfreien gemacht. Er folgt darin seinem Herrn, der sich selbst entäußerte und zum Sklaven wurde (Phil 2,6f; vgl. Lk 22,27; Mk 10,45). Zweck dieses Verzichts auf Freiheit ist es, möglichst viele Menschen für Christus zu erwerben, so wie JHWH Israel aus Ägypten befreite, um es zu seinem Eigentumsvolk zu machen.

 Paulus erläutert sein Verhalten, indem er einzelne Beispiele aufzählt: Den Juden ist er Jude, den nicht an das jüdische Gesetz Gebundenen ein selbst auch nicht daran Gebundener geworden (1 Kor 9,20f), so auch den "Schwachen" einer, der auf ihre Schwäche eingeht und sie teilt. Das vorher genannte Ziel ("gewinnen") verdeutlicht er, indem er es als "retten" bezeichnet. Wie Jesus möchte er die Menschen nicht bloß aus sozialer Unterdrückung befreien, sondern aus der Gefahr erlösen, für ewig geknechtet zu bleiben. Das ist auch heute noch das Hauptziel menschlicher Gemeindearbeit und Mission.

  aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

  

 

Halleluja. Halleluja.
Das Volk, das im Dunkeln lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
Halleluja.

 

Gedanken zum vierten Sonntag im Jahreskreis
29.01.2012; 1 Kor 7,32-35

 

Besser nicht heiraten?

 

Sind Verheiratete nicht Christen zweiter Klasse? Diese Frage stellt sich bei diesen und anderen Paulus-Worten (z.B 1 Kor 7,38). Dabei wird aber oft übersehen, dass der Apostel hier auf konkrete Anfragen antwortet und aus seiner Sicht nur einen Rat erteilt (1 Kor 7,24.35.40), der als solcher freilich heute wie damals zu bedenken ist.

 

Wohl aus eigener Begegnung mit Ehepaaren (vgl. 1 Kor 16,19; Apg 18,2f) wusste Paulus: Der Verheiratete muss auf vieles in dieser Welt und besonders auf seine Frau Rücksicht nehmen; darum kann er sich nicht so frei für die Belange des Herrn einsetzen, wie Paulus dies tat. Wenn er deshalb rät, nicht zu heiraten, liegt das ganz auf der Linie des Wortes Jesu über die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12), d.h. um wie Jesus mitzuhelfen, dass die Satansherrschaft überwunden und Gottes Herrschaft verwirklicht werde. Das versteht allerdings nur, wer die Unheilssituation dieser Welt beachtet und zu einem solchen Leben befähigt ist (1 Kor 7,7;vgl. Mt 19,12 "wer es fassen kann ...").

 

 

Für die Frauen gilt dasselbe, sowohl für die Jungfrauen wie für die Alleinstehenden (von ihren Männern getrennten). Ihnen erklärt Paulus außerdem, dass ungeteilte Hingabe auf persönliche Heiligung hingeordnet ist, d.h. darauf, sich ganz von der Absolutierung irdischer Werte freizuhalten und so zu leben, wie es der Bestimmung zur Gemeinschaft mit Christus, der heilig ist, entspricht. Letztlich ist das die Aufgabe aller Christen, die schon in der Taufe "geheiligt" wurden (1 Kor 6,11; vgl 1 Thess 4,3.7; Röm 6,19). Durch ihre Lebensweise halten aber die Unverheirateten den übrigen zeichenhaft das Ziel aller vor Augen. Wie der Apostel durch seine unermüdliche Predigt, so sollen die unverheirateten Frauen vornehmlich durch ihren Lebensstand den Anbruch der Gottesherrschaft bezeugen (vgl. 1 Petr 3,1f).

 

Paulus will mit seinem Rat die Leser nicht sozusagen mit einer Schlinge fesseln und ihnen etwas vorenthalten, sondern sie dazu ermutigen, dem Ruf zu einem besonderen Dienst zu folgen. Dabei weiß Paulus, dass es verschiedene Berufungen gibt (1 Kor 7,17), nicht aber Christen erster und zweiter Klasse.

 

Die Christenheit hat von Anfang an wie Paulus das Ideal der Ehelosigkeit geschätzt, mag dies auch manchmal auf Kosten der Berufung zur Ehe geschehen sein. Gerade in einer Zeit, wo die Unheilssituation der Welt uns Tag für Tag so erschreckend vor Augen tritt, nicht zuletzt angesichts zerstörter Ehen, gilt es, die Berufung zu einem ehelosen Leben nicht zu überhören, abzuwerten oder gar zu unterdrücken.

 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Gedanken zum dritten Sonntag im Jahreskreis
22. Jänner 2012; 1 Kor 7,29-31

 Abwertung von Ehe und Welt?

 "Die Ehe und nicht die Ehelosigkeit war für die ersten Christen das Problem!" so fasst ein verheirateter evangelischer Theologe die Fragen zusammen, auf die Paulus im Kontext unserer Lesung eingeht. Jesu Aufruf zur radikalen Nachfolge (Mk 10,29; vgl. Lk 14,26), das Wegfallen jüdischer Ehebegründung (Sicherung des Fortbestands Israels) und die Erwartung einer neuartigen Existenzweise im Himmel (Mk 12,25) stellten die Christen vor die Frage: Dürfen Unverheiratete jetzt überhaupt noch eine Ehe eingehen und Verheiratete ihre Ehe weiterführen? Paulus antwortet darauf (1 Kor 7,25-28), indem er einerseits ausdrücklich die Ehe gutheißt und gegen den Vorwurf der "Sünde" verteidigt; andererseits aber empfiehlt er die Ehelosigkeit, und zwar im Blick auf die endzeitliche Bedrängnis, die gerade für verheiratete Frauen mancherlei Beschwerden (vgl. Mk 13,17) mit sich bringen kann.

 In unserem Abschnitt unterstreicht der Apostel seine Empfehlung, indem er eine verbreitete Argumentatiosnweise aufgreift: Angesichts des bevorstehenden Endes gilt es, sein Herz nicht an diese Welt zu hängen. Diese Forderung des Gleichmutes beruht aber nicht bloß (wie in der stoischen Philosophie) auf der Einsicht in die Vergänglichkeit der Dinge; sie ist vielmerh getragen von der Hoffnung auf eine neue Welt nach den "Wehen" der Endzeit (vgl. Röm 8,22f). Wer darauf hofft, urteilt über die Werte dieser Welt gelassener.

 Der Antwortcharakter und die Bindung an zeitgenössische Argumentationsweisen verbieten es, diese Paulus Worte als "Sittenkodex" aufzufassen. Der Apostel weiß vielmehr um die hohen Werte dieses Lebens (Phil 4,8; vgl. 1 Tim 4,3f). Seine häufigen Aufforderungen zur Freude (z.B. Röm 12,12.15; Phil 4,4) meinen nicht bloß eine vorgetäuschte. Das gilt auch für die Forderung ehelicher Liebe (vgl. Kol 3,18; Eph 5,25-33).

 Die zeitbedingt einseitige Antwort kann uns aber heute noch den Blick für eine realistische Weltsicht öffnen: Über kurz oder lang wird unser Leben hier aufhören, werden Ehepartner durch den Tod auseinandergerissen, finden Trauer und Freude ein Ende, wird auch der größte Reichtum zunichte; und auch in ferner Zukunft noch müssen Menschen mit Leiden und Bedrängnis rechnen. Nicht um davor zu bewahren, wohl aber um anderen beim Ausharren in ihren Nöten und beim rechten Umgang mit dieser Welt behilflich zu sein, bleibt darum heute noch die Ehelosigkeit empfehlenswert, wie sie Paulus und Jesus lebten (vgl. Mt 19,11f).

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Gedanken zum zweiten Sonntag im Jahreskreis
15.01. 2012; 1 Kor 6,13c-15a.17-20

 Leibfeindlichkeit?

 "Leibfeindlichkeit" ist ein verbreiteter Vorwurf gegen den Apostel Paulus. Grund dazu geben Sätze des 1. Korintherbriefes. Diese werden meist gelesen, ohne auf die rhetorische Diktion zu achten, deren sich Paulus bei der Abwehr von Irrtümern bedient. Seine Predigt der Freiheit vom jüdischen Gesetz hatte nämlich in der Hafenstadt Korinth Anlass gegeben zu dem Slogan "Alles ist mir erlaubt"(1 Kor 6,12), mit dem mehrere ihr unzüchitges Verhalten (1 Kor 6,15f) rechtfertigten. Ähnlich benützen heute manche die berechtigte Abkehr von der Prüderie des letzten Jahrhunderts als Freibrief für ihr zügelloses Leben.

 Paulus betont demgegenüber - vor unserem Abschnitt - zunächst grundsätzlich, das "Freiheit" nicht Willkür bedeutet, die zur Versklavung führt (1 Kor 6,12). Zur Befreiung von den jüdischen Speisevorschriften erklärt er dann, vom Evangelium her gebe es keine besondere Beschränkung, weil Speisen nur für den "Bauch" da sind und wie dieser einst der Vernichtung anheimfallen.

  Anders ist es hingegen mit dem "Leib"; dieser ist für Paulus nicht bloß ein "Körper", sondern letztlich der ganze Mensch, insofern er als persönliches "Ich-Du" erlebt (gesehen und berührt) werden kann. Mit diesem kann man darum nicht so umgehen wie mit Speisen, was einige wohl in Korinth behaupteten. Erst recht ist der Leib nicht dafür da, dass man ohne Zucht jeder Regung nachgibt, etwa im Einlassen auf eine Dirne (1 Kor 6,15f) oder im Ehebruch (vgl. Mt 5,28), und dann zum Sklaven des fleischlichen Begehrens wird (vgl. Röm 13,14). Der Apostel spricht hier aus dem alten Wissen um die Macht sexuellen Verlangens, das wie ein Götze (vgl. 1 Kor 6,9) Menschen verführen und knechten kann, wenn sie es nicht in echter Zucht hüten.

  Der Christ ist für Höheres bestimmt; er gehört ganz dem auferstandenen "Herrn", wie auch dieser ganz für den "Leib" jedes einzelnen und seiner Kirche da ist (vgl. Eph 5,29). Darum kann der Getaufte nicht mehr willkürlich über seinen Leib verfügen (vgl. 1 Kor 6,19 und 2 Kor 5,15). Nicht seine Lust, sondern der Herr ist für sein Verhalten ausschlaggebend.

  Dies gilt um so mehr, als der Christ dazu berufen ist, wie Christus mit dem "Leib" auferweckt zu werden. Paulus erinnert schließlich die Korinther noch daran, dass sie jetzt schon so eng mit dem Auferstandenen verbunden sind, dass ihre "Leiber" sogar "Glieder Christi" genannt werden können (vgl. Röm 12,4; 1 Kor 12,12). Weil dies die hohe Würde des menschlichen Leibes ist, muss sich der Umgang des Christen mit seinem Leib von dem anderer unterscheiden, deren Gott bloß der Bauch ist (Phil 3,19). 

  aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

      Herbergssuche      

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Freut euch im Herrn,
heute ist uns der Heiland geboren.
Heute ist der wahre Friede vom Himmel herabgestiegen.

 

Gedanken zu Weihnachten - In der Heiligen Nacht
24. 12. 2011; Tit 2,11-14

 Weihnachten - Gabe und Aufgabe

 Hauptinhalt der Weihnachtslieder und Weihnachtsfeiern ist die in Lk 2,1-14 erzählte Geburt Jesu sowie ihre Deutung durch den Engel des Herrn und den Lobpreis der himmlischen Heerscharen. Die Lesung aus dem Titusbrief, abgefasst wohl von einem Schüler des Apostels (etwa um 100), nimmt darauf nicht ausdrücklich Bezug, sondern leitet uns an, das Weihnachtsgeschehen in einem weiteren Rahmen zu sehen. Der Verfasser unterstreicht seine vorher dargelegten Ermahnungen durch eine zum Teil vorgefundene Zusammenstellung von Glaubenssätzen.

 

Zu Beginn fasst er das ganze Christusgeschehen in der Sprache hellenistischer Religiosität mit dem Satz zusammen: "Erschienen ist die Gnade Gottes als eine heilbringende für alle Menschen" (so wörtlich). Was bisher verborgen war und in den biblischen Schriften verheißen wurde, ist jetzt in dieser Welt "erschienen", d.h. sichtbar geworden, und zwar als "Gnade" (charis), d.h. als Hulderweis Gottes, um allen Menschen - nicht bloß dem auserwählten Volk Israel - die Erretung aus ihrer Verstrickung in Sünde und Unheil zu ermöglichen. Jesu Geburt kann in diesem Sinn als das neue Aufleuchten von Gottes Huld betrachtet werden.

 

Für die Leser ("uns") heißt das: Gottes Entgegenkommen "erzieht" uns, diese seine "Gnade" anzunehmen und ihr durch unser Tun zu entsprechen. Wir vermögen das, indem wir erstens (negativ) einer gottlosen, nur um sich selbst kreisenden Lebensweise und den irdischen Begierden absagen, also nicht kurzsichtig nur vergängliche Freuden suchen. Zweitens verlangt das positiv, die Rechte anderer zu achten sowie in ehrfürchtigem Eingeständnis eigener Geschöpflichkeit in der uns anvertrauten Welt zu leben. Drittens fordert dies, auf die Erfüllung der uns geschenkten Hoffnung zu warten, das endgültige "Erscheinen (zweite Epiphanie) der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus". Das "Erscheinen" von Gottes Huld bei der Geburt Jesu findet demnach seine Vollendung am Ende unserer Zeit. (Die sonst im Neuen Testament nicht belegte Bezeichnung Christi mit "großer Gott" interpretieren viele im Sinne eines Wartens auf Gott, den Vater, und auf Jesus Christus.)

 

Die abschließende Erinnerung an Jesu Hingabe, um uns von aller Schuld zu befreien und ein neues Volk zu schaffen, das eifrig das Gute tut, unterstreicht die uns durch Christi Erscheinen bei seiner Geburt anvertraute Aufgabe im Hinblick auf die Vollendung seines Kommens.

 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

      Herbergssuche      

 

 

Tauet, ihr Himmel, von oben!
Wolken, regnet herab den Gerechten!
Tu dich auf, o Erde, und sprosse den Heiland hervor!

   Gedanken zum vierten Adventsonntag
18. 12. 2011; Röm 16,25-27

 Worauf es zu Weihnachten wirklich ankommt

 "Habe ich auch nichts vergessen?" - so fragen manche, die sich in diesen Tagen mit der Festvorbereitung abmühen. Oft vergessen dabei selbst Christen das Wichtigste; denn es geht zu Weihnachten um mehr als eine Familienfeier und einige arbeitsfreie Tage. Auf die Mitte des Christfestes verweist der liturgische Lobpreis, der wohl von einem Paulusschüler als Abschluss des Römerbriefes formuliert wurde.

 

Wie es im Christnachtsevangelium und in vielen Weihnachtsliedern heißt, wird auch hier Gott "Ehre"  erwiesen. Äußerlich ist ein solcher Ehrerweis dem Brauch der Menschen verwandt, anderen ihre Hochschätzung auszusprechen. Nur zu leicht können sich dabei falsche Töne einschleichen. Wer aber Gott "Ehre" erweist, bringt zum Ausdurck, dass er sich ehrfurchtsvoll vor dem neigt, dem er seine Existenz verdankt. Der Mensch unterscheidet sich ja von anderen Lebewesen grundsätzlich dadurch, dass er seinem Schöpfer anbetend Anerkennung erweisen kann. Wer das nicht tut, lebt letztlich nicht wie ein wahrer, vernunftbegabter Mensch.

 

Der Ehrerweis gilt dem, der dazu befähigt, zu stärken, d.h. den Bedrängten und Schwachen Kraft zu geben. In dem Evangelium, das Paulus verkündigt hat und dessen Inhalt Jesus Christus ist, geht es dabei nicht zuletzt um die Stärkung angesichts der endzeitlichen Bedrohung des Menschen im Tod. Denn Jesu Auferweckung - seine wahre Geburt (vgl. Röm 1,3f) - hat Gott als den ausgewiesen, der mächtiger ist als alle anderen irdischen oder überirdischen Gewalten, vor denen heute so viele bewusst oder unbewusst Angst haben.

 

Diese lebenspendende Macht Gottes war den Menschen nicht von Anfang an bekannt. Vorbereitet durch Gottes Sprechen im Alten Bund, wurde das "Geheimnis" (Gottes Sinnen auf das wahre Heil aller - bis dahin "verschwiegen" [so wörtlich]) "jetzt" durch die Proklamation von Jesu Leben und Auferstehen offenkundig. Die genannten "prophetischen Schriften" sind die in der Urkirche entstandenen Briefe und Evangelien. Ziel dieser Offenbarung ist es, alle Heiden zum Glauben an den einen Gott, JHWH, zu führen. Denn nur der, der auf ihn hört (vgl. Dtn 6,4f), kann für ewig an seiner Ehre und Herrlichkeit Anteil erhalten.

 

Weihnachten bietet vielen die echte Sabbatruhe, um als Menschen und Christen das zu tun, wozu der menschgewordene Sohn Gottes uns befähigt: An Gott zu denken, in dessen mächtiger Hand unsere Zukunft liegt, und ihm für sein rettendes Kommen zu danken - eine Vorwegnahme des ewigen Feierns, zu dem wir alle bestimmt sind.

 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

                 

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!
Noch einmal sage ich: Freut euch!
Denn der Herr ist nahe.
    

 

Gedanken zum dritten Adventsonntag
11. 12. 2011; 1 Thess 5,16-24

Keine panikartige Angst vor der Zukunft

 "Da streiten sich die Leut´ herum... Am End´ weiß keiner nix..." (Ferdinand Raimund, + 1836). Gilt das nicht für so vieles, was die Schlagzeilen unserer Zeitungen füllt? Könnte nicht manches im öffentlichen und familiären Leben weniger emotionell diskutiert werden, wenn die "Streiter" eine adventliche Besinnung hielten? Dazu regen jedenfalls die Schlussworte aus dem ältesten Brief des Neuen Testaments an.

Die Aufforderung sich immer zu freuen, verlangt nicht, ernste Probleme auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie ermutigt aber dazu, unsere Sorgen, Nöte und Meinungsverschiedenheiten im Licht dessen zu betrachten, der Herr allen Lebens und mächtiger ist als jede Gewalt in Natur, Technik, Wirtschaft und Politik. Wer als Christ bedenkt, dass der Herr nicht tot, sondern "nahe" (Phil 4,5) und "mitten unter uns" (vgl. Joh 1,26) ist, braucht nicht panikartig zu verzweifeln, wenn eine Entscheidung oder Antwort anders ausfällt, als er sie für richtig hält. Im Wissen um Gottes kommen zu uns sündigen Menschen darf er getrost und sogar froh der Zukunft entgegenschauen (vgl. Jes 61,10f).

Eine Quelle dieser zuversichtlichen Gelassenheit ist das Gebet, denn es öffnet den Blick für das Wesentliche. "Ohne Unterlass" meint hier zunächst das regelmäßige Beten (dreimal täglich). Darüber hinaus spornt diese Mahnung dazu an, sich für eine ständige gnadenhafte Verbundenheit mit Gott und Christus (etwa durch Wiederholung kurzer Gebetsformeln) bereit zu halten. Grundton dieses Betens ist das Danken, zu dem ein Be-"Denken" all dessen hinführt, was uns Tag für Tag geschenkt wird.

Der abschließende Segensspruch erfleht und verheißt den Lesern und Hörern Gottes Hilfe für die Zeit vor dem endgültigen Advent des Herrn, dem Endziel jedes einzelnen und jeder Gemeinschaft. Vorher ist auch der Christ noch vielen Gefahren ausgesetzt; darin soll er, der Anteil an Gottes "Geist" (vgl. "und mit deinem Geiste") hat, bewahrt bleiben. Die Zufügung von "Seele und Geist" (analog zur griechischen Lehre vom Menschen) wehrt offensichtlich ein Missverständnis ab: Gott will nicht bloß einem inneren geistigen Kern, sondern dem ganzen Menschen Anteil an seiner Lebensfülle geben.

Wer sich an die Bibel und damit an Gott hält, darf sicher sein, dass Gott ihn schützt und hält, selbst in den größten Gefährdungen der irdischen Zukunft.

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

Der Herr wird kommen, um die Welt zu erlösen.
Volk Gottes mach dich bereit.
Höre auf ihn, und dein Herz wird sich freuen.
 

 

 Gedanken zum zweiten Adventsonntag
04.12.2011; 2 Petr 3,8-14

 Wo bleibt der Advent?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ein jüdischer Freund nannte mir als Hauptargument gegen den christlichen Glauben: "Jesus und die Apostel haben sich geirrt; denn sie rechneten doch mit einem baldigen Ende der Welt und dem Advent (= Ankunft) des Menschensohnes." Dieser Einwand ist nicht neu. Schon der 2. Petrusbrief, der wohl um 120/130 unter Berufung auf den Apostel geschrieben wurde, geht ausdrücklich darauf ein. Gegenüber den Spöttern, die von einer Verzögerung der Wiederkunft des Herrn sprachen, bemerkt der Autor zunächst - in Einklang mit Ps 90,4-, dass bei Gott ein anderes Zeitmaß gilt als bei uns Menschen.

 

Der Verfasser versucht dann, seinen Lesern die "Verzögerung" verständlich zu machen, indem er auf die Geduld Gottes verweist. Was Spötter als Saumseligkeit Gottes beurteilen, ist von der Bibel her als seine Langmut zu deuten: "Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Die uns geschenkte Zeit vor dem "Advent" ist also eine Chance zur Umkehr, denn Gott will das Heil aller. Wie schon Jesus, der jede Berechnung ablehnte (Mk 13,32), betont unser Brief schließlich, dass der "Tag des Herrn" plötzlich und unerwartet kommen wird. Entsprechend den verbreiteten Vorstellungen seiner Zeit stellt der Autor den Lesern dann ein anschauliches Bild von der zukünftigen Zerstörung des Universums vor Augen: prasselndes Vergehen des Himmels (Firmament), Verbrennen der Elemente (Gestirne; vgl. auch 2 Petr 3,12 und Mk 13,24-25). Diese Schilderung eines drohenden Weltenbrandes - sie wäre heute in anderen Farben auszumalen - mahnt jeden Leser zur Wachsamkeit.

 

Das Ende dieser Welt ist aber nur die Voraussetzung für die Schaffung einer neuen. Gemeint ist damit nicht ein Paradies des ewigen Friedens auf dieser Erde als Frucht menschlicher Anstrengungen, sondern eine neue Schöpfung, wie sie der überirdischen Herrlichkeit des Auferstandenen entspricht. Die Rede über "einen neuen Himmel und eine neue Erde" besagt, dass alle Bemühungen um unser Universum und um Frieden unter den Menschen darauf hingeordnet sind, damit alle auf eine neue Weise an der himmlischen Herrlichkeit Anteil erhalten. Das Evangelium verheißt nicht bloß dem einzelnen ein neues ewiges Leben, sondern der Gesamtheit der Menschen und dem Kosmos. Für den einzelnen ist der Tag des "Advents" sein Sterbetag (der eigentliche Geburtstag!); dieser findet jedoch erst seine Vollendung, wenn alee Mitmenschen und der ganze Kosmos neu geschaffen werden.  

 

  aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele
Mein Gott, dir vertraue ich.
 Laß mich nicht scheitern, laß meine 
Feinde nicht triumphieren! 
 Denn niemand, der auf dich hofft, 
wird zuschanden.

 Gedanken zum ersten Adventsonntag
27.11.2011; 1 Kor 1,3-9

 Reichtum der Armen

  "Option für die Armen!" - dies wird heute mit Recht von der Kirche gefordert. Meist wird darunter verstanden, dass sich die Christen für die Armen engagieren, um ihnen an den Reichtümern dieser Welt Anteil zu geben. Dieser Aufgabe darf sich keiner verschließen (vgl. 1 Joh 3,17).

  Am Anfang des 1. Korintherbriefes macht Paulus die weithin aus Armen zusammengesetzte Gemeinde (vgl. 1 Kor 1,26-29) auf eine andere Art von Reichtum aufmerksam. Altem, jüdischem Brauch gemäß beginnt der Apostel seinen Brief mit einem Dankgebet. Er dankt Gott für das, was den Lesern an echtem Reichtum geschenkt wurde. Dabei denkt er nicht bloß an die Gnade des Christseins im allgemeinen, sondern konkret an ihre Auswirkungen im Leben der christlichen Gemeinde (z.B. die Überbrückung sozialer Grenzen, Liebestätigkeit).

 Wohl im Blick auf einzelne Gemeindemitglieder, die sich außergewöhnlicher geistlicher Begabungen (Charismen) rühmten (vgl. 1 Kor 12,28f), betont Paulus, dass die ganze Gemeinde durch die Gemeinschaft mit Christus "reich" geworden ist. Als Beispiel (für Korinth) nennt er die Gaben der "Rede" (in einzigartiger Weise die Glaubenserfahrung auszusprechen) und der "Erkenntnis" (den Sinn der Offenbarung zu erfassen). Heute entsprechen diesen die Befähigung zum Bekenntnis und Lobpreis des Schöpfers (während viele ihn verfluchen) und zum Erkennen des wahren Lebensziels (im Unterschied zu der oft beklagten Sinnlosigkeit von allem).

  Der wahre Reichtum der einfachen, materiell armen Korinther zeigt sich auch darin, dass die Botschaft von Jesus Christus in ihrer Mitte festen Fuß fassen konnte und ihnen nicht die Gnadengaben fehlen, die es ihnen ermöglichen, ohne Angst auf die endgültige Begegnung mit Chrsitus, dem Herrn und Richter, zu warten. Dieser "Tag Jesu" bricht für jeden schon im Tod an. Dass wir das bestehen können, dazu befähigt uns Gott durch die Lebensgemeinschaft mit seinem Sohn, angefangen von der Taufe bis zur Vollendung des Lebens.

  "Option für die Armen" bedeutet also nicht bloß die notwendige materielle Förderung (vgl. Mk 8,36), sondern vor allem Anteil zu geben an dem wahren Reichtum. Das können wir nur, wenn wir - nicht zuletzt im Advent - diesen selbst schätzen und dafür Gott danken.

   aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     Lesejahr A

 

Vollbild anzeigen

 

 

 

Gesegnet sei,
der kommt im Namen des Herrn!
Gesegnet sei,
das Reich unseres Vaters David,
das nun kommt.

(Mk 11,9.10) 

 

 

Gedanken zur Lesung des Christkönigssonntags
20.11.2011; 1 Kor 15,20-26.28

 Das Ziel der Geschichte

 Wie wird es weitergehen? Eine solche Frage beschäftigte schon die ersten Christen. Sie stellten diese allerdings im Wissen um ihre Errettung aus der Todesmacht durch die Taufe: Wie und wann wird diese sakramentale Teilhabe an dem Auferstandenen ihre Vollendung finden? Darauf geht Paulus mehrfach ein und antwortet in der Sprache der "Enthüllungen" (Apokalypse - gewöhnlich "Offenbarungen" genannt; vgl. die des Johannes sowie außerbiblische Apokalypsen). Wer solche Antworten naiv als Infomation über den Ablauf der Endereignisse auffasst, versteht sie falsch.
In unserem Text erklärt Paulus, dass die Auferstehung der Getauften nicht sofort geschieht, sondern zu gegebener Zeit. Christus ist der erste (vgl 1 Kor 5,20; Röm 8,29); die Getauften erlangen erst später ihre Vollendung. Der Apostel veranschaulicht dies hier (wie 1 Thess 4,16) mit der Vorstellung von dem Wiederkommen Christí am Ende der Tage. (Phil 1,23 verbindet diese Vollendung schon mit der Todesstunde.)

 Die Spannung zwischen der schon bestehenden Gemeinschaft mit dem Auferstandenen (vgl. Röm 6,4) und der noch nicht erfolgten endgültigen Befreiung aus den Mühsalen dieses Lebens erläutert der Apostel dann unter Rückgriff auf den Psalmvers: "Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege" (Ps 110,1). Die Urkirche hat diesen Spruch, der ursprünglich dem König bei seiner Inthronisation galt, auf die österliche Inthronisation Christi bezogen ("sitzet zur Rechten Gottes"; vgl. Apg 2,34f); sie hat darin zugleich einen Hinweis auf die noch ausstehende ("bis...") Unterwefung aller Mächte durch den erhöhten Messias erkannt.

 Erst dann, wenn der letzte Feind, der Tod - hier personifizert vorgestellt - unschädlich gemacht ist, hat der Sohn seine Aufgabe erfüllt und kann er die ihm übertragene Macht dem Vater zurückgeben. Bis dahin müssen alle Christen immer noch mit Verfolgung und Tod rechnen.

Dass der Sohn, der als solcher dem Vater immer untertan ist, am Ende sich selbst dem Vater unterwirft, besagt: Die Christus bei seiner Auferstehung übertragene königliche Macht ist auf die Verwirklichung der Gottesherrschaft hingeordnet (vgl. Phil 2,11 "zur Ehre Gottes des Vaters"); durch ihn, den Kyrios, soll die ganze Welt aus dem Bereich des Todes befreit und in den des Lebens eingeführt werden (vgl. Kol 1,13). Das Ziel der Weltgeschichte und jedes Menschen ist also nicht irgendein Paradies, sondern Gott selbst. Dass wir dieses Ziel erlangen, darauf kommt es in all unserem Tun an.
aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So spricht der Herr:
Ich sinne Gedanken des Friedens
und nicht des Unheils.
Wenn ihr mich anruft,
so werde ich euch erhören
und euch aus der Gefangenschaft
von allen Orten zusammenführen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken zum dreiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis
13.11.2011; 1 Thess 5,1-6

 Bereit für den achten Tag - den Tag des Herrn

 Warum ist die Kaiserkrone achteckig?" Sachverständige antworten: weil der Kaiser sich als irdischer Statthalter Christi bis zum "Tag des Herrn" verstanden hat. Von frühester Zeit an wurde nämlich der Sonntag nicht bloß als "der erste Tag" (Tag der Auferstehung Jesu), sondern zugleich als "der achte Tag" (Tag der Wiederkunft Christi) begangen, an dem der Auferstandene allen Menschen als der "Herr" (Kyrios) erkennbar wird.

 Dabei greift die geläufige Formulierung "Tag des Herrn" (z.B. 1 Kor 1,8) die alttestamentliche Rede vom "Tag JHWHs" auf, an dem sich Gott als der rettende und alle richtende "Herr" erweist (vgl. Am 5,18.20). Gewöhnlich wurde und wird dieser "Tag" - negativ formuliert - als Ende dieser Welt aufgefasst. Im Grunde bricht er für jeden einzelnen aber schon im Tod an, wenn er auch erst am Ende der Zeit seine Vollendung findet.

 Wann dieser "Tag des Herrn" kommt, haben Menschen immer wieder zu errechnen versucht. Paulus erinnert jedoch seine Leser an das, was ihnen aus der Katechese bekannt ist: Keiner kennt den Zeitpunkt (vgl. Mk 13,32); wir wissen nur, dass er plötzlich kommt. Das illustriert der Apostel durch die bekannten Bilder vom unberechenbaren Einbruch eines Diebes (vgl. Mt 24,43) und vom überraschenden Eintreten der Geburtswehen.

 Im Blick auf viele, die einzig an innerweltlichem Frieden und gesicherten Verhältnissen interessiert sind, erklärt Paulus weiters: Gerade wenn Menschen sich geborgen fühlen, bricht dieser Tag als plötzliches und unentrinnbares Geschick an, das alle menschlichen Errungenschaften in Frage stellt. Für den "Tag des Herrn" gilt somit dasselbe wie für den Tod: Menschen verdrängen den Gedanken daran, richten sich in der Welt wohnlich ein - und dann macht das Sterben alles zunichte (vgl. Lk 12,16-20). Die Kirche gliche einem Blinden, der Blinde führt (vgl. Mt 15,14), wenn sie heute nicht an diese unbequeme Wahrheit erinnern würde.

 Gegenüber anderen, die wie Schlafende und Träumende die Augen vor der Zukunft verschließen, gleichsam wie eingeschlafene oder alkoholisierte Autofahrer in der Nacht dahinrasen, haben die von Paulus Angesprochenen dank ihrer Taufe schon Anteil an Christus, dem wahren Licht

(vgl. Eph 5,14), und sind damit "Söhne" des Lichtes und des Tages. Sie gehören also schon zum Bereich dessen, der am ersten Wochentag von den Toten auferstanden ist und am achten Tag (dem wahren "Sonn-Tag") als der Herr aller kundwerden wird. Das Wissen um den, der auf sie zukommt, kann allen Christen die Angst vor dem Ende nehmen, verlangt aber von ihnen auch, ständig dafür bereit zu sein.

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Halleluja. Halleluja.
Seid wachsam und haltet euch bereit!
Denn der Menschensohn kommt
zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
Halleluja.

  Gedanken zum zweiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis
06.11.2011; 1 Thess 4,13-18

 Die Toten sind nicht benachteiligt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Die Armen!" , so bedauern wir oft Verstorbene, besonders wenn sie in jungen Jahren aus dem Leben gerissen wurden. Die Christen in Thessalonich bedauerten ihre Toten, weil sie meinten, diese seien benachteiligt gegenüber denen, die hofften, die Wiederkunft Christi noch zu erleben. (Für viele Juden galt das Erleben der messianischen Zeit als Vorzug.) Paulus belehrt die Betrübten zunächst grundsätzlich darüber, dass auch die verstorbenen Christen an der Herrlichkeit des Auferstandenen Anteil erhalten werden (1 Thess 4,14). Der Tod bedeutet für sie nicht das Ende.

 

In dem Abschnitt unserer Lesung unterstreicht der Apostel dies, indem er sich auf "ein Wort des Herrn" beruft. (Gemeint ist wohl kaum ein ureigenes Wort Jesu, sondern das einem urkirchlichen Propheten geoffenbarte "Geheimnis" [1 Kor 15,51], das als Herrenwort verkündet werden konnte.) Danach gilt: Die bereits Verstorbenen sind denen gegenüber, die etwa bei der Parusie noch leben, nicht benachteiligt. Jesu Tod und Auferstehung kommt also nicht bloß einem engen Kreis zugute, sondern allen Christen, ob sie nun die Wiederkunft des Herrn erleben, wie selbst Paulus wohl anfangs erwartete, oder nicht.

 

Im folgenden erläutert der Apostel das "Wort des Herrn" und entwirft seinen Lesern ein Bild, wie sie sich das Gesagte in etwa vorstellen können. Dabei bedient er sich der Bildmotive, die ihm aus jüdischen Schriften vertraut waren (z.B. Ruf des Erzengels, Schall der Posaune als Symbol dafür, dass Gott diese Stunde bestimmt; vgl. 1Kor 15,52). Paulus gibt damit keine Vorausschau auf das Programm der letzten Tage; denn in anderen Briefen entwirft er davon verschiedene Bilder (vgl. 1 Kor 15,23-28; 15,52-54). (Wie auch sonst in der Bibel müssen wir hier unterscheiden zwischen dem, was einer sagt [Aussageinhalt] und wie er es sagt [Aussageweise].)

 

Wie Paulus seinen Lesern mit diesem Bild deutlich vor Augen stellen will, geht aus dem Schlussatz hervor: Alle, die an Christus glauben, werden am Ende - ob sie früher oder später sterben - "immer mit dem Herrn sein", d.h. sie werden als Personen mit dem auferstandenen Jesus ewig leben. Das, was Paulus hier - bildhaft ausgedrückt - für den Tag der Wiederkunft erwartet, erhofft er nach Phil 1,23 schon für den Tag seines Todes.

 

 Der einzelne Christ darf also fest hoffen, dass er und die Toten wie Jesus und dank Jesu Tod zu einem ewigen Leben in Herrlichkeit berufen sind. Darum stehen wir Christen am Grab nicht ohne Trost und können wir auch den trauernden Hinterbliebenen echte Hoffnung zusprechen: "Tröstet also einander mit diesen Worten!".

  aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen


Herr, verlaß mich nicht,
bleib mir nicht fern, mein Gott!
Eile mir zu Hilfe,
Herr, du mein Heil.
  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken zum einunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis
30.10.2011; 1 Thess 2,7b-9.13

 "Wort Gottes" - Worte von Menschen  

"Wort des lebendigen Gottes" heißt es nach der Lesung in den Gottesdiensten. Gilt das wirklich von den oft so menschlich klingenden biblischen Texten, besonders aus dem Alten Testament? Viele erachten deshalb die Bibel als bloßes Menschenwort und sehen in ihrer Bewertung als Wort Gottes eine längst überholte mythische Vorstellung.

 


Demgegenüber bleibt zu bedenken, was Paulus in dieser Lesung über seine von liebender Sorge getragene Verkündigung bei den Thessalonichern schreibt: Er wagt es, die Aufnahme seiner eigenen Predigt als die Annahme von "Gottes Wort" zu bewerten. Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass diese auch bloß als "Menschenwort" eingestuft werden kann; denn schließlich sind es menschliche Wörter und Sätze. Mit welchem Recht aber verdienen diese es, als wirkliches "Wort Gottes" aufgenommen zu werden?

 

Die Berechtigung gründet darin, dass sich Paulus - ähnlich wie die Propheten des Alten Bundes - von Gott dazu bevollmächtigt weiß, in seinem Namen zu reden. Kraft der amtlichen Beauftragung (vgl. Gal 1,15f) ist er der Bote, durch den Gott zu den Thessalonichern spricht

(2 Kor 5,20; vgl. Lk 10,16); durch seine menschlichen Worte wendet sich also Gott selbst an die Hörer seiner Predigt. In dieser Verkündigung, deren menschliche Schwäche Paulus nicht bestreitet (vgl. 1 Kor 2,4; 2 Kor 10,10), ist Gott selbst am Werk.

 

Ähnlich bestehen die Texte der Bibel des Alten und Neuen Testaments aus menschlichen Wörtern und Sprechweisen. Insofern sich aber durch sie Gott selbst an uns wendet, verdienen sie den Namen "Wort Gottes". (Das vermag natürlich nur der anzunehmen, der zum Glauben an Gott bereit ist.) Die Inspiration (Einhauchung durch den Heiligen Geist) gilt dann strenggenommen nicht allein, wie früher meist angenommen, für die Niederschrift des Textes, sondern in ihrem vollen Sinn für das Wort, das Gott jetzt noch durch den Text an uns richtet, d.h. für das Sprechen Gottes, das erst im gläubigen Hören seine Vollendung findet.

 

Durch dieses sein lebendiges Wort (Hebr 4,12) "wirkt" Gott heute wie damals in den Glaubenden und in ihren Gemeinden und durch sie in der ganzen Welt. Wer dies als Glaubender bedenkt, muss mit Ehrfurcht vor dem "Wort Gottes" erfüllt werden, das bei jeder Lesung der Bibel an uns ergeht; er kann es letztlch wie Paulus nur "mit Furcht und grossem Zittern" (1 Kor 2,3) weiterverkünden. Mit Paulus darf er aber auch unablässig dafür danken, dass der Schöpfer des Alls heute noch zu den Menschen spricht und sein Wort als ermutigende, mahnende und frohe Kunde aufgenommen wird.

 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Halleluja, Halleluja.
Wer mich liebt, hält fest an meinem Wort,
Mein Vater wird ihn lieben,
und wir werden bei ihm wohnen.
Halleluja.  

Gedanken zum dreißigsten Sonntag im Jahreskreis
23.10.2011; 1 Thess 1,5c-10

"Gott dienen - Warten auf Christus"

 Nicht bloß Einheit der Christen, sondern aller Weltreligionen! - Dies wird in letzter Zeit mehrfach als erstrebenswertes Ziel genannt. Dabei wird mitunter notwendige Toleranz und Zusammenarbeit mit der Devise verwechselt: "Alle Religionen sind gleich!" Dass sich jedoch Heiden, Juden und Christen wesentlich unterscheiden, lehrt sehr prägnant die knappe Wiedergabe des Echos auf die Predigt Pauli in Thessalonich.


Die ehemaligen Heiden haben sich von ihren "Götzen" abgewandt. Sie waren vorher keineswegs einfach "Gottlose" (Atheisten), verehrten aber selbstverfertigte Götter und setzten auf diese ihre Hoffnung. Dass sich auch darin die tiefe Sehnsucht nach dem wahren Gott äußern kann, lag ausserhalb des damaligen Denkhorizonts und ist eine Einsicht, die uns für viele "Heiden" aufgeschlossener macht. Die Rede von den "Götzen" stellt jedoch auch in unseren Tagen alle Menschen, auch Christen vor die Frage, ob sie nicht oft Eigenes einfach an die Stelle Gottes setzen (Geld, Gesundheit, Ideologie, u.ä.) und darum dringend einer Bekehrung bedürfen.

Die vom Götzendienst bekehrten Thessalonicher haben mit allen Juden gemeinsam, dass sie jetzt dem "wahren Gott" dienen. Sie wissen sich wie Knechte dem als Herrn verpflichtet, der sich im Alten Bund als der Lebendige (Existierende) kundgetan hat, der allein Leben geben und vor dem ewigen Tod retten kann. Nur er verdient daher den Namen "Gott". Ihn suchen letztlich selbst diejenigen, die ihn noch nicht kennengelernt haben, sich in ihrem Leben aber nach Höherem richten (vgl. Apg 17,22f). Mit Recht öffnen heute die christlichen Kirchen ihren Mitgliedern die Augen für die Hinordnung der anderen Religionen auf diesen einzig wahren Gott, vor allem aber für das Verbindende zwischen Juden und Christen, die gemeinsam auf Gott warten (Ps 130).

Für  die Christen konkretisiert sich der Glaube an JHWH darin, dass sie ihre Rettung von Jesus erwarten. Dies ist aus christlicher Sicht keine Beeinträchtigung ihres Glaubens an JHWH, sondern dessen praktischer Vollzug seit dem Kommen Christi; denn JHWH hat Jesus durch die Auferweckung als seinen Sohn ausgewiesen; ihn hat er dazu in die Welt gesandt, um uns sündige Menschen vor einem Schicksal zu bewahren, das schlimmer ist als der Tod. Dies meint hier die Rede von dem Entreißen aus dem Gericht.

Das Warten auf Jesu rettende Hilfe gibt allen, die sich immer wieder von den Götzen zu dem wahren Gott und zu Christus bekehren, echte Hoffnung, nicht zuletzt an den Gräbern ihrer Toten

(vgl. 1 Thess 4,13).

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Halleluja, Halleluja.
Haltet fest am Worte Christi,
dann leuchtet ihr als Lichter in der Welt.
Halleluja.
  

 

Gedanken zum neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
16.10.2011; Phil 4,12-14.19-20

 

"Glaube-Liebe-Hoffnung"?  

"Glaube, Liebe, Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heissen", schreibt Ö. v. Horvath zu seinem gleichnamigen Stück. Dieses stellt uns das Schicksal eines Mädchens vor Augen, das Menschen glaubt, jemanden liebt und dessen Hoffnung dann bitter enttäuscht wird. Der Titel greift die biblische Aufzählung "Glaube, Hoffnung, Liebe" (1 Kor 13,13) auf, allerdings in einer abgewandelten Reihenfolge. Dass die Bibel damit mehr als leichtgläubiges, dummes und aussichtsloses Verhalten von Menschen bezeichnet, lehrt unsere Lesung.  

Paulus wendet sich hier zusammen mit seinen Mitarbeitern an die vor kurzem (etwa um 50) gegründete Kirche im heutigen Saloniki. Er kennzeichnet sie näher als eine Gemeinde, deren Existenz zwar wie die Israels im Zusammenrufen Gottes, aber außerdem in der Gemeinschaft mit Christus gründet. Wie auch sonst beginnt der Apostel mit einem Dank an Gott für das, was er in der jungen Christengemeinde gewirkt hat und noch wirkt.  

Das zuerst genannte "Werk des Glaubens" ist nicht eine Leistung der Glaubenden und auch nicht der in Liebestaten auswirkende Glaubensakt (vgl. Gal 5,6). Gemeint ist vielmerh der den Thessalonichern geschenkte Glaube, der so wirkmächtig war, das er zu einem lebendigen Zeugnis wurde und auf die Umwelt einwirkte (vgl. 1 Thess 1,8). Die ehemaligen Juden oder Heiden haben also ihren Glauben nicht bloß als eigene Bereicherung aufgefasst, sondern als Gnadengabe zum Mitwirken am Werk Gottes. Die an zweiter Stelle (vgl. 1 Thess 5,8) angeführte "Mühe der Liebe" (so wörtlich) ist die geistliche Befähigung, sich ganz für andere einzusetzen, ja zu verausgaben (vgl. 1 Kor 13). Diese oft mühevolle Liebe ist mehr als Gefühl und beseligendes Verlangen nach Gegenliebe. Sie entspricht letztlich der Liebe Gottes zu allen, vornehmlich zu den Armen und Schwachen, um derentwillen Jesus sich nicht scheute, die Mühe des Leidens auf sich zu nehmen.

 

Als drittes nennt Paulus die "Hoffnung", das geduldige Ausharren inmitten menschlicher Unzulänglichkeit und feindseliger Verfolgung. Sie hat ihren Grund nicht in einer menschlichen Anlage oder Erwartung, sondern in Gottes Zusage, dass er uns durch Jesus Christus mehr zu geben vermag, als wir hier auf Erden zu unserem Glück ersehnen.  

Für solches Glauben, Lieben und Hoffen dürfen heute noch viele danken und müssen wir alle uns immer neu öffnen in unserem Beten und Tun. Ignatius v. L. erwartet übrigens als Frucht jeder Meditation wesentlich ein Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe.

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten,
Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung, Gott Israels.
  

 

Gedanken zum achtundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
9. 10. 2011; Phil 4,12-14.19-20

"Ob Entbehrung oder Überfluss"

 Die Gemeinde von Philippi hatte dem gefangenen Apostel eine Unterstützung geschickt. Darüber äußert dieser am Ende des Briefes seine Freude (Phil4,10). Da Paulus sonst jeden Unterhalt durch andere ablehnte (vgl. 2 Kor 11,7.9), verbindet er mit dem Dankeswort eine grundsätzliche Erwägung, und zwar in einer einprägsamen, tiefsinnigen Sprache.

Entsprechend dem Ideal der Selbstgenügsamkeit (Autarkie) zeitgenössischer Philosophen (etwa der Stoiker), weiß sich der Apostel nicht an die äußeren Lebensumstände gefesselt. Er kann leben und wirken, ohne durch Hunger oder Blöße daran gehindert zu werden. Wenn Paulus schreibt, dass er "in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung" regelrecht "eingeweiht" sei, verwendet er damit einen Ausdruck, der sonst die "Einweihung" in damalige Kultgemeinschaften (Mysterien) bezeichnet. Allerdings ruht seine Selbstgenügsamkeit nicht auf ritueller Einübung (Askese). Als Getaufter weiß sich der Apostel zum Ertragen von Entbehrung und zum Aushalten in den Verlockungen des Überflusses durch Gott gestärkt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dadurch unterscheidet sich die christliche "Indifferenz" (Ignatius) gegenüber den Gütern dieser Welt wesentlich von jeder stoischen Autarkie und jedem Training von Sportlern oder Astronauten. Mit Recht wird heute gefragt, ob nicht die sogenannten "unterentwickelten" Völker uns Wohlstandsbürgern oft, was echte Menschlichkeit angeht, überlegen sind. Ein Biologe äußerte sogar einmal die Vermutung, der Mensch brauche die Auseinandersetzung mit der Not, um nicht zu degenerieren.

 

Die Hilfeleistung der Philipper war also für den Apostel nicht unbedingt notwendig. Er beurteilt sie dennoch als eine gute Tat; denn darin kommt zum Ausdruck, dass die Spender an der Bedrängnis des Gefangenen Anteil nehmen. Die Erfahrung dieser Verbundenheit ist für Paulus wichtiger als die ihm übermittelten Gaben. Ähnlich kommt heute mancher karitativen Hilfe darum ein so hoher Wert zu, weil sie - obwohl oft nur Tropfen auf einen heissen Stein - den Bedrängten zeigt, dass andere an ihrer Not Anteil nehmen und sich mit ihnen verbunden wissen.

 

Als Ausdruck seines Dankes versichert Paulus zum Abschluss des Briefes den Philippern in Form eines Segenswunsches, dass Gott ihnen durch Jesus Christus aus dem "Recihtum seiner Herrlichkeit" all das schenken werde, was sie brauchen. 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Allmächtiger Gott, du gibst uns in deiner Güte mehr,
als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten.
Nimm weg, was unser Gewissen belastet,
und schenke uns jenen Frieden,
den nur deine Barmherzigkeit geben kann.
Darum bitten wir durch Jesus Christus. 

     

Gedanken zum siebenundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
02. 10. 2011; Phil 4,6-9

"Bürgerliches Christentum"  

"Verbürgerlicht" - das ist für manche engagierte Christen heute fast ein Schimpfwort für Mitchristen, die sich angeblich zu sehr dem Geist der kapitalistischen Gesellschaft angepasst haben. Dem Geist Jesu entspreche vielmehr eine alternative Lebensform, bis hin zum Verzicht auf jeden Wohnungskomfort. Eine meist nicht gezogene Konsequenz wäre die Ablehnung aller Werte unseres kulturellen Lebens als Produkte einer städtischen Gesellschaft.

 

Dem Apostel Paulus kann man wohl am wenigsten ein spießbürgerliches Leben und ein Räsonieren "im Ohrensessel" (Thomas Bernhard) über alles und jeden vorwerfen. Er scheut sich aber auch nicht, einen Tugendkatalog von stoischen Philosophen seiner Zeit zu übernehmen und den Lesern zu empfehlen. Er verschließt sich also nicht einer Lebenshaltung, zu der Denker seiner Zeit ihre Mitbürger aufforderten: Bedacht sein auf das "Wahre" (im Unterschied zu Scheinwerten), "Edle" (im Unterschied zu Willkür) und "Lautere" (im Unterschied zur Verlogenheit beim Reden und Handeln, nicht zuletzt im sexuellen Bereich).

 

 

 

Dadurch wird der Mensch erst wirklich "menschlich" (human) und vermag er so zu leben, dass er von anderen geliebt und gelobt wird. Denn durch sein rücksichtsvolles, wahrhaft höfliches Verhalten hilft er ihnen nicht zuletzt, das eigene Leben inmitten einer dunklen Umgebung immer neu zu wagen. Die Aufforderung zu diesen Tugenden ist heute höchst aktuell. Berechtigte Kritik an fehlformen bürgerlichen Verhaltens (z.B. Heuchelei, Scheinheiligkeit, Selbstzufriedenheit, Formalismus) verleitet nämlich leicht dazu, die Werte echter Menschlichkeit - die Voraussetzung christlicher Existenz - preiszugeben.

 

 

 

Paulus erinnert dabei an seine eigene Unterweisung, bei der er offensichtlich auch diese Lebenswerte betont hat. Außerdem verweist er auf sich selbst als Vorbild (vgl. Phil 3,17). Dadurch erhält die Empfehlung der humanistischen Ideale einen besonderen Akzent, entsprechend der eingangs ausgesprochenen Aufforderung zum Gebet und der am Ende wiederholten Zusage von Gottes Frieden: Alle menschlichen Tugenden sind ausgerichtet auf ein Leben, das diese irdische Welt übersteigt und in Teilhabe an der Herrlichkeit des Auferstandenen (vgl. Phil 3,21) seine Erfüllung findet; denn die wahre "Heimat" (Stadt) des Christen ist nicht eine bürgerliche Gesellschaft auf Erden (ob kapitalistischer oder marxistischer Prägung) sondern "im Himmel" (Phil 3,20).

 

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

Alles, was du uns getan hast, o Herr,
das hast du nach deiner gerechten
Entscheidung getan,
denn wir haben gesündigt, wir
haben dein Gesetz übertreten.
Verherrliche deinen Namen und rette uns
nach der Fülle deines Erbarmens.  

   

 

 

Gedanken zum sechsundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
25.09.2011; Phil 2,1-5

"Zumutung von Demut"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was bei Parteien, Familien, aber auch bei christlichen Gemeinden Außenstehende oft abstößt, ist Uneinigkeit und Zwist. Das dies von Anfang an eine Gefährdung der Kirche war, belegen u.a. die Worte, die der Völkerapostel aus der Gefangenschaft an seine Lieblingsgemeinde in Philippi richtet.

 Wie wichtig die Eintracht ist, zeigt schon die beschwörende Sprache, mit der Paulus seine Weisung einleitet. Er hält den Lesern vier bekannte Begriffe vor Augen, die für jedes Gemeindeleben zentral sind: 1. "Ermahnungen in Christus" - ein von der Verbundenheit in Christus getragenes Zureden, Zurechtweisen und Ermutigen; 2. "Zuspruch aus Liebe" - von der Liebe erfülltes gegenseitiges Ansprechen, Anspornen und Trösten; 3. "Gemeinschaft des Geistes" - Teilhabe an dem einen Lebensodem Gottes unbeschadet der je verschiedenen Begabungen; 4. "Herzliche Zuneigung und Erbarmen" - der Gesinnung Jesu und dem Erbarmen Gottes entsprechende gegenseitige Zuwendung. "Wenn" (im Urtext viermal wiederholt) dies alles für die Leser etwas gilt, dann können sie sich seinem Anliegen nicht entziehen.

 Um die Philipper dafür zu gewinnen, führt Paulus noch ein weiteres Motiv an: Er wirbt darum, dass sie - seine Lieblingsgemeinde - ihm in der Gefangenschaft nicht Kummer, sondern Freude bereiten. Womit sie ihn erfreuen können, spricht er dann kurz aus: dass sie, einander liebend, die Eintracht wahren. Daran hindern am meisten die beiden Laster "Ehrgeiz" und "Prahlerei" (heute sagt man: "geschwätzige Profilierungssucht"). Wer das Zusammenleben in Kirche, Familie und Staat beobachtet, weiß um deren fatale Auswirkung. Er muss sich aber auch immer wieder prüfen, ob er nicht selbst diesen Untugenden verfällt.

Als Heilmittel gegen diese gemeindeschädlichen Laster empfiehlt Paulus, den anderen immer höher zu achten als sich selbst. Dies verlangt nicht ein Übersehen der Fehler anderer und auch kein heuchlerisches, kriecherisches Verhalten, wohl aber die echte "Demut" (im Wissen um die eigenen Fehler) und die Annahme der anderen (mit dessen Fehlern). Als Beispiel für solche Demut, die heute oft als Zumutung empfunden wird, verweist Paulus die Philipper und uns im folgenden mit den Worten eines alten Hymnus (Phil 2,6-11; vgl. Lesung vom Palmsonntag) auf die vorbildliche Gesinnung Jesu Christi. (Die Einheitsübersetzung übersetzt Phil 2,5 als Bezug darauf, "wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht", d.h. als solchen, die durch die Taufe "in Christus Jesus" sind.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Halleluja. Halleluja.
Herr, öffne uns das Herz,
daß wir auf die Worte
deines Sohnes hören.
Halleluja.

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
18.09.2011; Phil 1,20ad - 24.27a

"Bleibender Lebensinhalt"

Wer mit dem Tod konfrontiert wird, fragt sich: Wozu überhaupt leben? Welchen Wert hat es? Um darauf antworten zu können, lohnt es sich, die Worte zu erwägen, die Paulus im Gefängnis diktierte, als er sich zwischen Tod und Freilassung gestellt sah.

 Der Apostel ist angesichts einer drohenden Verurteilung gelassen, ja froh (Phil 1,19f). Grund dafür ist nicht die Abwertung des Lebens wie bei griechischen Philosophen; diese sahen im Sterben einen Gewinn, weil die Seele dadurch endlich von der Fesselung an den Leib und die Mühen des Lebens befreit würde. Für Paulus ist Sterben aus einem anderen Grund ein "Gewinn".

 Er durfte nämlich Christus kennenlernen als den, der allein die Menschen aus ihrer Todesverfallenheit erretten und ihnen Anteil an seinem göttlichen Leben geben kann (vgl. Phil 3,8). Seit seiner Bekehrung und Berufung weiß sich der ehemalige Verfolger mit Christus verbunden, und seither ist Christus für ihn "das Leben", Grund und Inhalt seiner Existenz. Weil der Tod zu einer noch innigeren Vereinigung mit dem Auferstandenen führt, ist er für den Apostel nur Gewinn. Was ist aber dann der Sinn des Lebens vor dem Tod? Er liegt in der "Frucht des Werkes" (wörtlich), d.h., dass der Apostel das Werk Christi (Phil 1,6; 2,30) weiterführt und sein Wirken Frucht für die ihm Anvertrauten trägt (vgl. Joh 15,16).

 Paulus erwägt, was er angesichts der genannten Einschätzung von Tod und Leben wählen soll. Sein Herz ist von der Sehnsucht erfüllt, durch sein bildhaft ausgedrücktes "Aufbrechen" aus dem Leben dieser Welt im Tod sofort zu Christus zu gelangen. (Die Seligkeit beginnt also nicht erst, wie früher oft erklärt wurde, nach einer Wiedervereinigung der Seele mit dem Leib am Jüngsten Tag! )

Er erkennt aber auch, dass sein "Bleiben im sterblichen Fleisch" (wörtlich) für die Menschen notwendiger ist, um ihnen durch seinen Dienst zu helfen, jetzt schon und im Sterben zur vollen Christusgemeinschaft, zu einem wahrhaft erfüllten Leben zu gelangen.

 Was Paulus hier schreibt, gilt für jeden Christen. Welche Tätigkeit einer auch ausübt (selbst die erzwungene Untätigkeit) - sie ist nicht sinnlos, wenn sie in Verbundenheit mit Christus ausgeübt oder erlitten wird. Im Sterben erweist sich das bisherige Leben dann als nicht umsonst; es findet vielmehr in der ewigen Gemeinschaft mit Christus seine Vollendung.

  aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Halleluja. Halleluja.
Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und uns das Wort von der Versöhnung anvertraut.
Halleluja.
  

Gedanken zum vierundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis

11.09.2011; Röm 14,7-9

 „Leben und Sterben in der Hand des Herrn“

Kann ich nicht mit meinem Leben machen, was ich will? Kann ich nicht sterben, wann ich will? Es ist verständlich, dass sich uns gerade heute dies Fragen stellen; denn dank Technik und Medizin können wir mehr über unser Leben verfügen als frühere Generationen. Allerdings stoßen wir dabei gerade in letzter Zeit an die Grenzen des Machbaren. Für nicht wenige wird nämlich das dank der Medizin erreichte hohe Lebensalter – verbunden mit mancherlei Beschwerden – oft eine fast unerträgliche Last, von der ihre Angehörigen oder sie sich selbst befreien möchten (vgl. die Diskussion über „Sterbehilfe).

 Diese kurze Lesung erinnert uns an die Grenzen jeder Selbstverfügung. Paulus macht hier im Rahmen seiner Darlegungen über das Verhalten unterschiedlicher Gruppen in der Gemeinde auf eine grundlegende Wahrheit christlicher Existenz aufmerksam: Kein Mensch kann ganz für sich selbst leben; denn sein Leben, das er sich nicht selbst gegeben hat, gehört nicht ihm, sondern JHWH. Das haben schon die Frommen Israels betont (vgl. Pirke Aboth 4,29: “ Alles ist ja sein“). Paulus geht hier aber noch weiter: Der Getaufte gehört Christus (vgl. Röm 6,11; 2 Kor 5,15) und ist durch ihn der Macht des ewigen Todes entrissen. Will der Christ nicht die Taufe durch seinen Wandel rückgängig machen, so muss er für den Herrn leben, indem er sein Leben nicht nach eigenem Gutdünken gestaltet, sondern auf Jesu Wort hört, seinen Weg geht und ihm nachfolgt.

Das gilt auch für das Sterben: Auch dieses gehört Christus und ist dadurch der freien Selbstverfügung entzogen. Das bedeutet keine Einengung, sondern eine Befreiung. Wer nämlich im Sterben nicht sich selbst überlassen, sondern in der Hand des Herrn bleibt, wird damit vor einem Grauen und einer Vernichtung bewahrt, die schlimmer sind als jeder Tod. Es ist ja ein verbreiteter und gefährlicher Irrtum der Neuzeit, als wäre es mit dem Tod einfach aus. Nach den großen Philosophen, fast allen Religionen und nach der Bibel bedeutet der Tod für keinen Menschen das absolute Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Halleluja. Halleluja.
Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und uns das Wort von der Versöhnung anvertraut.
Halleluja.
  

 

Gedanken zum dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
04.09.2011; Röm 13,08-10

 

"Unsere bleibende Schuldigkeit"

 

 

 

"Und was bin ich schuldig?", so fragen wir oft im geschäftlichen Alltag. Paulus schließt an seine Forderung, die schuldigen Steuern zu zahlen (Röm 13,7), die Mahnung, niemandem etwas schuldig zu bleiben, "außer einander zu lieben" (so wörtlich). In diesem Punkte kann also niemand ein für allemal seine Schuldigkeit begleichen; er bleibt immer Schuldner des anderen. Ihn lieben heißt: für ihn dasein, auf sein Wohl bedacht sein, ihn ertragen und ihm verzeihen (vgl. Mt 18,21f).

 

Dies ist eine unter Menschen keineswegs selbstverständliche Einstellung. Von Natur aus liebt der einzelne nämlich sich selbst. Dieser Selbsterhaltungstrieb ist sogar notwendig; allerdings macht die berechtigte Selbstliebe leicht blind für die Belange des Mitmenschen und führt nicht selten zu dessen Ausbeutung, zur "Selbsverwirklichung" auf Kosten des anderen.

 

Jüdischen Beispielen folgend, sieht Paulus wie Jesus (vgl. Mt 22,39f) in dem Gebot, jeden anderen zu lieben, eine Zusammenfassung aller Forderungen der zweiten Tafel des Dekalogs: Ehebruch, Mord, Diebstahl, Habgier u.ä. geschehen nämlich immer zu Lasten und zum Leid von anderen. Wer dem Nächsten (auch dem Unsympathischen) öffentlich oder geheim Böses antut, handelt gegen den Willen Gottes und macht sich auch vor ihm schuldig. Ob die modernen Staaten solche Handlungen strafrechtlich verfolgen oder nicht, ändert nichts daran, dass es sich um Verbrechen handelt.

 

 

 

"Wie dich selbst" gibt nicht ein Maß an (so viel und nicht mehr), sondern verweist auf die erforderliche Grundhaltung. Wie jeder auf sein eigenes Wohl bedacht ist, ebenso muss er für den anderen dasein und sich hüten, diesem Schaden zuzufügen. Das meint nicht, dass ich alles das tue, was der andere (oft launenhaft) will; wohl aber, dass ich ihn so ernst nehme wie mich selbst.

 

 

 

Die Nächstenliebe als "Erfüllung des Gesetzes" ersetzt natürlich nicht die Gottesliebe und den Glauben an Jesus Christus als den Sohn Gottes. Für den Christen konkretisiert sich aber seine Liebe zu Gott und sein Glaube an Jesus letztlich in der Liebe zum anderen; denn indem ich nicht narzisstisch um mich kreise und mich selbst quasi vergöttere, öffne ich mich für den, der in Wahrheit Gott ist.

 

 

 

 aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen

 

Sei mir gnädig, o Herr.
Den ganzen Tag rufe ich zu dir.
Herr du bist gütig und bereit zu verzeihen;
für alle, die zu dir rufen, reich an Gnade.

 

  

 

Gedanken zum zweiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis
28.08.2011 Röm 12,1-2

 

"Grundprinzipien christlichen Handelns"

 

 

 

Was muss ich tun? Früher schien alles so einfach; heute gibt es hingegen viele Situationen, wo auch Theologen den Politikern keine eindeutigen Lösungen anbieten können. Der einzelne ist darum selbst aufgerufen, seine Entscheidungen zu treffen. Eine Hilfe dazu bieten die beiden grundsätzlichen Weisungen an, die Paulus an den Anfang seiner Ermahnungen in den letzten Kapiteln des Römerbriefes stellt.
Ausgangspunkt ist für den Apostel nicht eine philosophische Überlegung, sondern "das Erbarmen Gottes", über das er in den voraufgehenden Kapiteln geschrieben hat. Wenn er jetzt "ermahnt" (parakalo = zuredet), tut er das im Namen Gottes, der ein Herz für die Menschen hat und ihnen voll Erbarmen nachgeht.

 

Als erstes redet er ihnen zu, nicht mehr wie im Tempel oder bei heidnischen Gottesdiensten äußere Gaben als Opfer darzubringen, sondern sich selbst. Als der von Gott Erschaffene und aus dem Verderben Errettete ist der Mensch dazu aufgerufen, sein ganzes Leben in den Dienst dessen zu stellen, dem er gehört.

 

Wer diesen wahren Gottesdienst verweigert, hält sich selbst - oft unbewusst - für Gott. Ist es nicht die gefährlichste Täuschung unserer Zeit (jedenfalls aus der Sicht der Bibel), dass viele Politiker, Wissenschafter, Dichter, Lehrer u.a. den Menschen suggerieren, es komme einzig auf sie an, und sie könnten wie Gott frei über ihr Leben verfügen?

 

Als zweites ruft der Apostel dazu auf, sich nicht "dieser Welt" anzugleichen. Damit wird keine Weltverneinung gepredigt, wohl aber eine Distanz gegenüber einer Welt, die meint, ohne Gott existieren zu können, und sich selbst für Gott hält.

 

Da diese gottlose bloße Diesseitigkeit den Menschen mehr und mehr in ihren Bann zieht, gilt es, sich diesem "man tut" zu widersetzen. Das fordert ein ständiges Sich-wandeln (metamorphousthe), Anders-Werden (vgl. Jesu Ruf: "Kehrt um!", Mk 1,15), und zwar durch das "Erneuern des Sinnens", d.h. in der Preisgabe eines rein auf das Materielle eingestellten Denkens.

 

Nur wer das tut, vermag zu erkennen, was in der konkreten Situation der Wille Gottes ist: das Gute, das Gottwohlgefällige und das Vollkommene. Wer also für sich oder für andere eine Entscheidung zu treffen hat, muss zunächst sein eigenes Verhalten und damit sch selbst "wandeln" (ändern) - in Abgrenzung gegenüber dem "Üblichen" und im Hinhören auf Gott; dann wird er dazu befähigt, im einzelnen das Gute vom Bösen zu unterscheiden.

 

aus: Jakob Kremer, Gottes Wort in der Sprache von Menschen