Charakteristisch für die Vegetation des Mittelmeerraumes und besonders Palästinas ist der Ölbaum, ein zähes Gewächs, das nicht selten Jahrhunderte überdauert. Die nie welkenden Blätter zeigen an der Oberseite ein sanftes Dunkelgrün und sind silbrig an der Unterseite: Das vom österreichischen Dichter Josef Weinheber verwendete Wort „mondsilbergrün“ kommt bei der Betrachtung eines Ölzweiges in Erinnerung. Der kurze, dicke Stamm zerklüftet sich im Alter. Der Baum verjüngt sich durch zahlreiche Wurzelschösslinge und gibt in jedem zweiten Jahr reiche Ernte. Die grünlich-schwarzen Früchte werden vom Baum geschlagen oder geschüttelt und samt den Kernen mit schweren Steinwalzen zerdrückt und dann gepresst.
Augustinus hat die Bedrängnisse des Christenlebens mit einer Ölpresse verglichen: Aus den Leiden des wahren Christen wird gutes Öl gepresst und rinnt zum Kruge des ewigen Lebens.
Vielfältig war von jeher der Gebrauch des Öls. Es linderte Schmerzen, heilte Wunden, stärkte müde Glieder, kühlte die Haut, machte die Athleten geschmeidig für den Wettkampf und diente als „Öl der Freude“ zur Salbung bei Festen und Mählern. Es war auch der Brennstoff für die Lampen: Man erinnere sich an das biblische Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen und an die vielen Öllämpchen, die in den Katakomben gefunden wurden. Heidnische Religionen schrieben dem Öl göttliche Wirkung zu und salbten damit Könige, Priester, neugeborene Kinder und Tote. Kränze aus Zweigen des wilden Ölbaumes waren der Schmuck für die Sieger der olympischen Spiele.
Das biblische Buch Genesis berichtet, Noach habe aus der Arche eine Taube entsandt, die mit einem Ölzweig im Schnabel zurückgekehrt sei. So habe er erfahren, dass die Erde nach der Sintflut wieder bewohnbar sei. In diesem Zusammenhang wird der Ölzweig zum Symbol des Friedens zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Welt.
Zur Zeit des alten Bundes wurden Priester, Könige und Propheten, aber auch Kultgegenstände mit Öl gesalbt. Und der vor Gott gerechte Mensch ebenso wie das ganze Volk wurde einem „üppigen Ölbaum von schöner Gestalt“ verglichen.
Die Christen haben angesichts dieser jüdischen wie heidnischen Tradition die Salbung mit Öl als Zeichen für die Mitteilung des Heiles Gottes schon sehr früh vollzogen. So gab und gibt es Salbungen am Beginn der Katechumenatszeit (Zeit der Vorbereitung auf die Taufe) und bei der Taufspendung, bei Firmung, Priester- und Bischofsweihe und als Krankensalbung. Auch Kirchen, Altäre und anderes heiliges Gerät werden gesalbt. Der in Taufe und Firmung an Stirn oder Scheitel gesalbte Christ erhält Anteil an der königlichen und prophetischen Priesterwürde Christi. Der Duft des Öles ist ein Zeichen dafür, dass der Christ durch sein Leben göttlichen Wohlgeruch in die Welt hinein verströmen soll.
Katechumenenöl, Krankenöl und Chrisam werden vom Bischof während der Karwoche in einem festlichen Gottesdienst unter Teilnahme möglichst aller Priester geweiht. So wird der Brunnen des Öls in der Diözese für ein Jahr gefüllt.
Die Sprache des Ölsymbols versteht in ihrer Tiefe wohl nur, wer eine Stunde lang – vielleicht im Mittagslicht – in einem Olivenhain still verweilt hat. Etwa auf den Hügeln bei Siena oder in Dalmatien oder gar auf dem Ölberg gegenüber der Stadt Jerusalem. Eine solche Stunde wäre auch die Zeit einer Besinnung auf die eigene Taufe und Firmung und einer Erneuerung der Kraft dieser Sakramente.