In diesem Jahr begehen wir den Heimgang des heiligen Franz von Assisi vor genau 800 Jahren. Berufung, Wesen und Intention des kleinen Armen war die Ausbreitung des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen. Maria wurde von Gott zur Kirche gemacht, Franziskus sollte sie erneuern.
Portiunkula - Maria Urbild der Kirche
Die heimelige Kapelle „Maria von den Engel zu Portiunkula“ in der Ebene vor der Bergstadt von Assisi gelegen gilt als spirituelle Heimat von Franziskus und seiner jungen Gemeinschaft. Das Tafelbild in der Apsis mit der Verkündigung Gabriels an Maria war mehr noch als das Kreuzbild von San Damiano das prägende tägliche Betrachtungsbild der Brüder und somit ikonografisches Urbild des entstehenden Ordens. Dieser Überlegung mag der eigentümliche Gruß des Franziskus an die Gottesmutter entspringen:
Sei gegrüßt, Herrin, heilige Königin,
heilige Gottesmutter Maria,
du bist Jungfrau, zur Kirche gemacht
und erwählt vom heiligsten Vater im Himmel,
die er geweiht hat mit seinem heiligsten
geliebten Sohn und dem Heiligen Geiste,
dem Tröster; in der war und ist alle Fülle
der Gnade und jegliches Gute.
Sei gegrüßt, du sein Palast.
Sei gegrüßt, du sein Gezelt.
Sei gegrüßt, du seine Wohnung.
Sei gegrüßt, du sein Gewand.
Sei gegrüßt, du seine Magd.
Sei gegrüßt, du seine Mutter.
Dieses Gebet entwickelt einen sehr schönen Gedanken, dass nämlich Maria durch ihr Fiat! zur Kirche wurde, zu Raum und Wohnstatt des Gottessohnes, der Fleisch werden wollte aus ihrem Fleisch. Von daher ist Kirche ganz und gar mit Maria verwoben, beide sind wesenhaft Ort, Art und Weise der Begegnung mit Jesus Christus durch das fortwährende Wirken des Geistes Gottes. Für unsere gegenwärtige Situation scheint mir diese geistliche Sichtweise notwendig und heilsam. Denn zu viele verbinden (oft leider zu Recht) Kirche heute als steuereintreibenden Verein, als zu viel Papier produzierende Tintenburg oder ent-geistlichte und damit ent-menschlichte Institution von geringer Relevanz.
San Damiano – Franziskus Restaurator der Kirche
Bereits im 13. Jhdt. litten viele an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität von Kirche. Macht, Pracht und Geld hatten die Kirche als Braut Christi verzerrt und entstellt. Viele litten darunter, manche griffen zu Waffen oder spalteten sich von der römischen Kirche ab aus Sehnsucht nach einer anderen Kirche, einer Kirche nach dem Evangelium Christi. Franziskus wählte einen anderen Weg. Er wollte nicht ein- und niederreißen, sondern aufbauen und mit neuem Geist erfüllen. Der Gekreuzigte von San Damiano, der zweiten wichtigen Kapelle der franziskanischen Anfangszeit, gab ihm die eigentliche Berufung mit auf den Weg: Franziskus geh und baue meine Kirche wieder auf! Zunächst verstand er es wörtlich und begann, zerfallende Kapellen rund um Assisi mit Steinen und Maurerkelle zu renovieren. Dieses äußere Tun ließ in ihm allmählich das innere Verstehen erwachsen, die Kirche im Sinne der Gottesmutter zu erneuern als spirituellen Raum und Rahmen gelingender Gottesbegegnung.
Bildtext: Marien-Antiphon zum Fest des heiligen Franziskus, Mitte 18. Jhdt., Archiv des Wiener Franziskanerklosters:
O glorreiche Herrin und meine Hoffnung; So wie die Welt durch deine Hände ihren Erlöser empfangen hat, so hoffe ich durch deine Hände zu schauen meinen Herrn Jesus Christus.
Greccio – Kirche konkret
Eine weitere Urzelle franziskanischer Geistigkeit finden wir in der Bergeinsamkeit von Greccio im Rietital, etwa 90 km südlich von Assisi. Hier wollte der Heilige zu Weihnachten 1223 mit kindlichem Herzen das staunenswerte Wunder der Geburt des Erlösers bibliodramatisch nachspielen und so das Christuskind in den erkalteten Herzen der Gläubigen wieder neu geboren werden lassen. Wie Maria wird die kleine Feiergemeinde von Greccio zu neuer Kirche, die Jesus aufnimmt, Raum schenkt und selber als eigentlich beschenkte und erneuerte Zelle lebendiger Kirche wieder in die Ebene hinabsteigt. In der Beschreibung von Thomas von Celano, dem ersten Biografen des Franziskus, wird ausdrücklich auf ein aussagekräftiges Moment hingewiesen, nämlich dass Franziskus im Blick auf die Menschwerdung Gottes nicht auf die Armut und die Not der gebärenden Mutter Maria im Stall von Betlehem vergaß. Üblicherweise wurde von den Theologen die Leichtigkeit dieser Geburt betont und suggeriert, um ja die Göttlichkeit des Kindes nicht in Frage zu stellen. Franziskus hatte stets auch einen Blick für das Kleine und Menschliche, heruntergebrochen in die Lebenswelt seiner Zeitgenossen.
La Verna – Kirche in der Vollendung
Gegen Ende seiner Jahre lernte Franziskus den Höhenzug von La Verna in der Toskana mit seiner mystischen Fels- und Höhlenlandschaft lieben, etwa 120 km nordwestlich von Assisi gelegen. Das Leben hatte ihn physisch wie psychisch bereits sehr gezeichnet, er sehnte sich nach Ruhe in Zurückgezogenheit. Maria hatte ihm zu erkennen gegeben, wo er sich auf dieser Erhebung ein zweites Portiunkula bauen sollte. Das erhalten gebliebene Kirchlein trägt denselben Weihetitel: „Maria von den Engeln“. Auf La Verna durchlebte und durchlitt der Heilige schwere Stunden der Depression, Momente der Gottverloren- und -verlassenheit. Der Versucher wollte ihn gar dazu veranlassen, sich den Felsen hinab zu stürzen. Dennoch sollte genau dieser Ort und diese bedrohliche Situation zum Schlüsselmoment für Franziskus werden. Maria führte ihn mütterlich hin zu einer neuen, unüberbietbaren Form der Gemeinschaft mit Christus, nämlich als dem Gekreuzigten, zu einer Art Kirche in höchster Vollendung, zur Verschmelzung mit dem geliebten Herrn Jesus Christus, den er zeitlebens mit Sehnsucht suchen und lieben wollte. Oft betete er dort die von ihm selber gedichtete Marien-Antiphon:
Heilige Jungfrau Maria, unter den Frauen der Welt ist keine dir ähnlich geboren,
Tochter und Magd des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters,
Mutter unseres heiligsten Herrn Jesus Christus, Braut des Heiligen Geistes:
Bitte für uns mit dem heiligen Erzengel Michael und allen Mächten der Himmel und allen Heiligen bei deinem heiligsten, geliebten Sohn, Herrn und Meister.
Portiunkula 2.0 – Heimkehr zum Anfang
Im Herbst 1224 hatte Franziskus auf La Verna die Wundmale empfangen, nicht als religiöse Auszeichnung, sondern zum Trost und als Erweis der Annahme seines Ringens und opferbereiten Leidens für Gott und die Kirche. Jetzt geht es zurück in seine geographische wie spirituelle Heimat nach Assisi bzw. nach Portiunkula. Franziskus hat die Leitung der Gemeinschaft an Elias von Cortona übergeben, seine Wanderzirkel werden kleiner, die Lebensflamme erlischt zusehends. Im nachmittäglichen Schatten seines geliebten Marienheiligtums ließ er sich eine einfache Hütte als Zelle errichten, in der er ganz bewusst dem letzten Schatten im Leben eines jeden Menschen entgegen fühlte, dem leiblichen Tod. Am Abend des 3. Oktober 1226 sollte seine Sterbezelle bei „Maria von den Engeln zu Portiunkula“ eine Pforte zum bleibenden Leben mit Christus und allen Vorausgegangenen, zur Kirche des verheißenen himmlischen Jerusalems werden. Gelassen und gelöst konnte er seinem Sonnengesang eine letzte Strophe hinzufügen: