„Wir beten dich an, allerheiligster Herr Jesus Christus“
Franziskus von Assisi, ein eucharistischer Heiliger
Das Bild des heiligen Franziskus von Assisi (1181-1226) ist heute oft stark romantisiert. Er gilt als der unbeschwerte Vogelprediger, der Aussteiger aus dem reichen Elternhaus, der Freund des Wolfes von Gubbio, der erste radikale Ökologe und der oft so verkannte Reformator der Kirche. Auch wenn in allen diesen verschiedenen Aspekten der Charakter des heiligen Franziskus zur Geltung kommt, bleiben sie doch oft oberflächlich, denn die eigentliche Kraftquelle seines Lebens kommt in diesen Begriffen nicht zur wahren Geltung. Der historische Franziskus war im tiefsten Inneren ein eucharistischer Mystiker. Seine Liebe zur Schöpfung, zur Armut und zu den Menschen, ganz besonders den Aussätzigen, war letztlich das sichtbare Erscheinen seiner im Herzen brennenden Leidenschaft für den eucharistischen Christus.
Auch wenn wir heute meinen, dass früher alles besser gewesen sei, müssen wir feststellen, dass es gerade zur Zeit des heiligen Franziskus viele Missstände im Umgang mit der Eucharistie und viele Missverständnisse in der eucharistischen Frömmigkeit gegeben hat. Viele Priester waren leider theologisch ungebildet. Die heiligen Messen wurden oft um der Messstipendien willen in großer Anzahl privat gefeiert. Die Anwesenheit der Gläubigen war kein zentrales Thema. Viele Gläubige haben die Eucharistie nur sehr selten oder gar nicht empfangen. Die Anwesenheit bei der Wandlung reichte den Gläubigen oft aus, und die Anbetung der Eucharistie ersetzte die aktive Teilnahme an der Feier. Wichtig war, so oft wie möglich der Wandlung beizuwohnen. Das führte in vielen Fällen zu einem magischen Denken. Auch an der würdigen Aufbewahrung sowie der Sauberkeit der liturgischen Geräte ließ es oft zu wünschen übrig. Im Jahre 1215 rief deswegen Papst Innozenz III. das Vierte Laterankonzil zusammen. Dieses sollte zu einer tiefgreifenden Erneuerung des eucharistischen Verständnisses in der Kirche führen. Ein zentrales Thema war der Begriff der „Transsubstantiation“ (die Wesensverwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi). Ebenso wurde der würdige Umgang mit den eucharistischen Gaben und den liturgischen Gegenständen eingefordert. Der heilige Franziskus, der zwar kein Priester aber Diakon war, nahm die Impulse dieses Konzils im Herzen auf und verkündete sie auf prophetische Weise. Franziskus lebte das, was das Konzil als Lehrsatz formulierte, leidenschaftlich in seiner Lebenspraxis.
Für den heiligen Franziskus gab es drei Momente, in denen sich die hingebende Liebe Gottes am deutlichsten offenbarte: die Krippe, das Kreuz und die Eucharistie. Alle diese Momente sind Orte der radikalen Selbstentäußerung Gottes in Jesus Christus.
Die Krippe
Der große unsichtbare Gott steigt sichtbar in der Gestalt des Kindes von Betlehem herab auf diese Erde. Die Eucharistie war für den heiligen Franziskus die tägliche Fortsetzung der Menschwerdung Gottes, denn in der Hostie macht Gott sich kleiner, ärmer und demütiger als jeder Mensch. So schreibt Franziskus in seinen Brief an den gesamten Orden: „Der ganze Mensch erbebe, die ganze Welt erzittere und der Himmel juble, wenn Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, auf dem Altar in den Händen des Priesters ist. O wunderbare Hoheit und erstaunenswerte Herablassung! O erhabene Demut, o demütige Erhabenheit, dass der Herr des Weltalls, der Sohn Gottes, sich so erniedrigt, dass er zu unserem Heil in die bescheidene Gestalt des Brotes hinabsteigt.“ Der heilige Franziskus setzt also die Eucharistie in direktem Bezug zur Menschwerdung. So wie Christus in den Schoß der Jungfrau Maria herabgestiegen ist, so steigt er nun in den eucharistischen Gestalten in die Hände des Priesters herab. Darum ruft Franziskus die Gläubigen auf, als Frucht der heiligen Kommunion „Christus durch gute Werke zu gebären“.
Das Kreuz
Der heilige Franziskus bezeugt, dass ihm von Gott selber die Gnade geschenkt wurde, folgendes Gebet aus ganzem Herzen zu sprechen: „Wir beten dich an, allerheiligster Herr Jesus Christus, hier und in allen deinen Kirchen, die auf der ganzen Welt sind, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“ Die Entäußerung Jesu am Kreuz war für Franziskus ein zentraler Punkt seiner Berufung. In dem armen und nackten Christus erkannte Franziskus die Brüder und Schwestern, die seiner Liebe bedurften. Vor dem Kreuzbild von San Damiano nahm Franziskus den Ruf wahr, Christus aus ganzem Herzen zu folgen und am Wiederaufbau seiner Kirche mitzuwirken. Das, was er zu Beginn auf ganz praktische Weise umzusetzen versuchte, indem er nämlich baufällige Kirchen restaurierte, wurde mehr und mehr zu einer Sendung der inneren Erneuerung der Kirche. Durch den Blick auf den gekreuzigten Christus wurde er selbst zu einem Bild der gekreuzigten Liebe. Christus, der durch seine Hingabe am Kreuz den Tod zum Leben und die Sünde zum Heil wandelt, will auch uns durch die Gegenwärtigsetzung seiner Hingabe am Kreuz auf dem Altar immer neu wandeln. Die Kirche wurde für Franziskus ein Ort der Wandlung und Neuschaffung seiner selbst und der ganzen Menschheit. Aus diesem Grunde empfahl Franziskus allen Brüdern, das oben zitierte Gebet regelmäßig zu beten. Es wird bis heute in der Tradition des Ordens nicht nur zur Verehrung des Kreuzes sondern ganz besonders auch zur Anbetung der Eucharistie verwendet.
Der Leib des Herrn, die Eucharistie
Der heilige Franziskus bekannte, dass wir auf Erden nichts anderes von Christus haben als seine heiligsten Worte und seinen heiligsten Leib und sein kostbares Blut. Deshalb war er erfüllt von so großer Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift. Die Ordensregel des Heiligen beginnt mit den Worten: „Leben und Regel der Minderen Brüder ist das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.“ Das Wort Gottes ist für den heiligen Franziskus zu jeder Zeit genau so aktuell, wie es war, als Christus es zu Lebzeiten gesprochen hat. Darum bekennt Franziskus, dass wir den Aposteln um nichts nachstehen. Denn so wie sie zu Lebzeiten Jesus reden hörten und glauben mussten, dass seine Worte wirklich Gottes Worte sind, und wenn sie ihn sahen, bekennen mussten, dass er wirklich der Sohn Gottes sei, so ist es auch mit uns. Wenn wir die Frohbotschaft hören, spricht er wirklich zu uns. Wenn wir ihn in der Gestalt des Brotes sehen, ist es derselbe Christus, der einst unter den Menschen wandelte und Gottes Heil wirkte.
Quelle des Lebens der franziskanischen Freude
Die Liebe des heiligen Franziskus zur ganzen Schöpfung, den Geschöpfen, ja seine Umarmung und der Kuss, den er dem Aussätzigen gab, sind eucharistische Handlungen. Das Wort „Eucharistie“ bedeutet „Danksagung“. Voll Dankbarkeit betrachtet Franziskus die ganze Schöpfung. So wie er will, dass das Wort Gottes und der heilige Leib Christi voll Ehrfurcht und Liebe gehört, berührt und empfangen werden, so schenkt er liebend sein Ohr, seine Umarmung und sein Herz. Der heilige Franziskus betet Christus still und voll Ehrfurcht im Tabernakel an und er umarmt denselben Christus voll Liebe im Nächsten. Wer den heiligen Franziskus in seiner ganzen Tiefe erfassen möchte, kann ihn nicht, wie am Anfang beschrieben, auf einige Eigenschaften reduzieren. Bruder Franziskus, der „Poverello“, der Arme von Assisi, erkannte in Christus „all seinen Reichtum zur Genüge“. Darum konnte er das, was ihm an Überfülle der göttlichen Liebe in der Eucharistie geschenkt wurde, ohne Maß an Gottes Geschöpfe und die ganze Schöpfung weitergeben. Der heilige Franziskus ist im wahrsten Sinne des Wortes ein eucharistischer Mystiker, denn für ihn war die Eucharistie nicht etwas Entrücktes und Weltfremdes, sondern der sich verschenkende Christus, der uns in der Welt durch seine Gegenwart nahe ist und uns wandeln will. Das, was am heiligen Franziskus in der Stigmatisation (vgl. Bild aus dem Oratorium des Klosters Salzburg) geschehen ist, soll durch die Eucharistie auch an uns wirksam werden. Denn auch wir sollen gewandelt werden zum Abbild des liebenden und sich verschenkenden Christus.