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Das Kreuzzeichen

 

 

Wenn ich Volksschulen besuche, um mich über den dortigen Religionsunterricht zu informieren, dann frage ich oft, was denn das Kreuzzeichen bedeutet. Es gibt dann meist verlegenes Schweigen. Ich nehme schließlich das Religionsheft irgendeines Schülers von der Bank und zeige der Klasse den Umschlag: Was steht da aufgeschrieben? Der Name, rufen alle. Warum der Name? Damit jeder weiß, wem dieses Heft gehört. Nun ist es Zeit, mit der Katechese über das Kreuzzeichen zu beginnen. Der Christ schreibt sich ein Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust. Das bedeutet, er will Gott gehören – Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Am Ende dieser Überlegungen frage ich die Kinder, ob sie von nun an wohl immer an das denken werden, was wir jetzt miteinander bedacht haben. Sie bejahen es aus tiefer Überzeugung, aber wir wissen, wie viele geheime und offenkundige Miterzieher die religiösen Inhalte im Alltag wieder verdrängen.

Auf dem Weg durch die römische Altstadt habe ich vor Jahren eine afrikanische Christin gesehen, die sich mit einer Art von Schminke ein Kreuz auf die Stirn geschrieben hatte. Ich fragte den mich begleitenden Priester, ob er wisse, was das bedeute. Er sagte, die Frau sei einer der vielen in Rom lebenden Flüchtlinge aus Äthiopien. Diese Leute hätten alles verloren außer ihren Glauben.

 

 

Bei der Taufe und bei der Firmung wird dem Tauf- und Firmkandidaten ein Kreuz auf die Stirn geschrieben. Er gehört Christus, bedeutet das, und er soll die Stirn haben, sich auch öffentlich zu Christus zu bekennen. Bei vielen Getauften und Gefirmten scheint dieses mit heiligem Öl geschriebene Kreuz nicht nur aus-, sondern auch inwendig bald wieder zu vertrocknen. Bei anderen wird es zum Symbol eines Glaubens, der nach und nach immer radikaler vom Menschen Besitz ergreift. Viele junge Menschen tragen auch heute ein Kreuz an Band oder Kette auf der Brust. Manchmal ist das nur Ausdruck einer Mode. Oft aber ist es ein Bekenntnis, dieses von der Mutter, von Freunden geschenkte oder von einer Fahrt nach Rom, Assisi oder Taizé mitgebrachte Kreuz offen zu tragen: Ich bin ein Christ, ich versuche, den Glauben ernst zu nehmen.

„Was werden wir mitnehmen auf die Flucht?“ fragte kurz vor der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges der deutsche Schriftsteller Theodor Haecker. Und er gab sich selbst zur Antwort: „Wir werden das Kreuz mitnehmen, das wir immer noch schlagen können, bevor es uns erschlägt.“ Aus solchem Wissen haben die Christen seit altersher ihren Kindern bei der Taufe ein geweihtes Kreuz geschenkt, damit es an der Brust getragen werde auf allen Wegen und Irrwegen des Lebens. Und sie haben sich im Alter für die bevorstehende Todesstunde ein Sterbekreuz vorbereitet: Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt hing.

Beim Hauptgottesdienst des letzten österreichischen Katholikentages wurden Hunderttausende kleine Kreuze aus Metall an die Teilnehmer verschenkt. Einige weitere Hunderttausend wurden nachträglich bestellt. Seither hängen diese Kreuze in vielen Wohnungen Österreichs als Zeichen des Glaubens. Solange diese Zeichen aus dem öffentlichen und privaten Lebensraum der Menschen unseres Landes nicht verdrängt werden, so lange ist auch der Glaube eine prägende Kraft.

 

 

Bischof Egon Kapellari

entnommen aus:

Heilige Zeichen, Styria

 

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