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Psalmen – Gebete auf dem Weg /Teil 11

„Er setzt den Kriegen ein Ende!“ (Ps 46,10)

Psalm 46 als Friedenslyrik

 

 

„Friede“ scheint in unserer von Gewalt und Konflikten zerrissenen Welt zu einem Fremdwort geworden zu sein. Friede lebt als Sehnsucht in den Herzen der Menschen, als Hoffnung, die an der harten Wirklichkeit zu stranden droht. „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, wusste schon der Prophet Jesaja im 8. Jahrhundert v. Christus.1 „Friede“ und „Gerechtigkeit“ sind miteinander verschwistert. Sie gehören zusammen. „Recht und Gerechtigkeit“ bilden nach biblischer Überzeugung die Fundamente einer Friedensordnung.2 Die Staatenwelt von heute scheint sich beschleunigt von dieser Grundordnung des Zusammenlebens zu entfernen. Statt der „Stärke des Rechts“, das die Würde eines jeden Menschen und die Gleichheit aller im Blick hat, mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die vulnerablen Personengruppen in der Gesellschaft, korrumpiert das „Recht des Stärkeren“ rücksichtslos und gewalttätig das Zusammenleben unter den Völkern. Verlierer sind auch heute die Schwächsten und die auf solidarische Hilfe angewiesenen Menschen weltweit. Der Friede unter den Völkern, zwischen Religionen und Kulturen ist zu einer Überlebensfrage der Menschheit wie der Menschlichkeit geworden. Was sagen die heiligen Schriften dazu?

 

 

 

Die Bibel – ein nüchterner und hoffnungsvoller Blick auf den Menschen

 

Die Botschaft des Friedens, die Sehnsucht und die Suche nach ihm ist fest in den heiligen Schriften der Bibel verankert. Das gilt auch für das Alte Testament, das wegen seiner gewaltbesetzten Texte häufig abgewertet wird. Dieser erste Teil der christlichen Bibel weiß um die Anfälligkeit des menschlichen Herzens und menschlicher Gemeinschaften für Gewalttätigkeit und bringt diese auch deutlich und unmissverständlich zur Sprache. Alttestamentliche Erzählungen konfrontieren Leserinnen und Leser schonungslos mit der Anfälligkeit des Menschen für Gewalt, mit menschlicher Grausamkeit und den davon abhängigen gewaltbesetzten Gottesbildern. Mit ihrer Beschreibung roher Gewalt verhindert die Bibel Verdrängungsmechanismen und ruft in die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltbereitschaft. Diese Auseinandersetzung geschieht bereits innerhalb der alttestamentlichen Schriften selbst. In immer neuen Anläufen entwickelt die Bibel Strategien zur Gewalteindämmung und -überwindung. Letztlich will sie die Botschaft vermitteln, dass JHWH vor allem dieses eine will: das Ende der Kriege und den Frieden in Gerechtigkeit unter den Menschen.3

 

 

Friedenslyrik in Psalm 46

 

Sprechendes Zeugnis hierfür ist Psalm 46. Dieses Lied kreist um Jerusalem und den Zionsberg, dem Ort der göttlichen Gegenwart. Nach der Überschrift, die den Psalm der Gruppe der Korachiter zuweist,4 lässt sich der Psalm in die beiden Abschnitte V 2–8 und V 9–12 gliedern. Seine Grundbotschaft lautet: Gottes Zuwendung und seine helfende Gegenwart verleihen Schutz in allen Bedrängnissen. Diese Zusage wird durch Wortwiederholungen in den Versen 2 („ein Gott ist für uns“), 8 („für uns ist der Gott Jakobs“) und 12 („für uns ist der Gott Jakobs“) markiert, die dem Psalm zugleich strukturieren.

 

 

V 2–8: Gott als Mitte der Stadt

 

Gottes Gegenwart in seiner Stadt, verdichtet durch den Verweis auf den Berg Zion und den dortigen Tempel, verleiht der Stadt Jerusalem Schutz in allen Bedrängnissen, wie der erste Teil des Psalms in seiner bildreichen Sprache beschreibt:

 

2          Gott ist uns Zuflucht und Stärke,

            als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten. 

3          Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt,

            wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres; 

4          mögen seine Wasser tosen und schäumen

            und vor seinem Ungestüm Berge erzittern. [Sela]5

5          Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt,

            des Höchsten heilige Wohnung. 

6          Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken.

            Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht. 

7          Völker tobten, Reiche wankten;

            seine Stimme erscholl, da muss die Erde schmelzen. 

8          Mit uns ist der HERR der Heerscharen,

            der Gott Jakobs ist unsre Burg. [Sela] 

 

In den kosmischen Bildern des Erdbebens und der Sintflut, die die Grundfesten der Erde erschüttern (V 3–4), und im Geschichtsbild einer feindlichen Invasion (V 7) inszeniert der Psalmist eine umfassende Bedrohung. Das Bild der feindlichen Invasion blickt auf einen überstandenen Völkeransturm gegen Jerusalem zurück (V 7). Die im Präsens formulierten kosmischen Erschütterungen (V 3–4) halten hingegen fest, dass die Erde ein vom Chaos umspültes Lebenshaus ist, das chaotischen Kräften ständig ausgesetzt bleibt. Gerade aufgrund dieser existentiellen Bedrohung des Daseins weiß sich das Gottesvolk auf die helfende Gegenwart Gottes verwiesen. In allen diesen Bedrängnissen gibt es nur einen verlässlichen Halt: Gott inmitten seines Volkes (V 2.5–6.8). Mehr noch: Den zerstörerischen Fluten (V 3) stehen in V 5 die fruchtbaren und Leben spendenden Wasser entgegen, eine Gabe Gottes, die die Bewohner der Gottesstadt erfreuen und die Erinnerung an das Paradies lebendig halten.6 Selbst inmitten aller Gefährdungen vermag das Gottesvolk im Vertrauen auf die göttliche Gegenwart seinen Weg zu gehen. Doch dies allein wäre noch zu wenig …

 

 

V 9-12: Frieden auf Erden

 

Der Psalmist begnügt sich nicht damit, lediglich für das Gottesvolk einen Raum des Heiles gegenüber dem vorherrschenden Chaos auszugrenzen. JHWH, der Gott Israels, schaut nicht nur auf sein Volk. Er will mehr. Er hat die gesamte Völkerwelt im Blick. Und Israel hat seit Abraham die Berufung, den Segen Gottes allen Völkern der Erde weiterzugeben. Dazu gehört auch die Gabe des Friedens. Gott will den Frieden auf Erden. Gottes eigentlicher Feind ist deshalb der Krieg selbst. JHWHs Handeln zielt darauf, dem Krieg ein Ende zu bereiten. So wendet sich die betende „Wir-Gruppe“ aus V 2–8 nun an die Völkerwelt. Sie, die Israel einst feindselig gegenübertrat und im Ansturm die Gottesstadt zu vernichten drohte (V 7), wird zum Ende des Gebetes aufgefordert, das Friedensprojekt JHWHs, des Gottes Israels, wahrzunehmen und es anzunehmen:

 

9          Kommt und schaut die Taten des HERRN,

            der Schauder erregt auf der Erde. 

10        Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde.

            Den Bogen zerbricht er, die Lanze zerschlägt er;

            Streitwagen verbrennt er im Feuer. 

11        Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin,

            erhaben über die Völker, erhaben auf Erden! 

12        Mit uns ist der HERR der Heerscharen,

            der Gott Jakobs ist unsre Burg. [Sela]

 

Es ist Gottes Wille, dass Friede wird – „bis an die Grenzen der Erde“. Er will, dass die Kriegsgeräte vernichtet werden oder – wie es an anderer Stelle heißt – die Völker ihre Waffen „umschmieden zu Pflugscharen, zu landwirtschaftlichen Geräten, die den Menschen dienen (vgl. Jes 2,2–5; Mi 4,1–5). Als Gott des Friedens will er erkannt und anerkannt sein durch Menschen, die den Frieden auf Erden zu ihrem eigenen Anliegen machen. So endet der zweite Abschnitt des Psalms in V 11–12 mit einer theologischen Spitzenaussage. Gott selbst wendet sich an die Völker. Er umwirbt sie mit seinem Friedenswillen und ruft sie auf, seine souveräne Friedensherrschaft anzuerkennen (V 11). Damit erhält der Schlussvers gegenüber dem gleichlautenden V 8 eine völlig neue Bedeutung. Es sind nun die Völker, die ihrerseits in die betende Gemeinschaft eintreten und sich – Schulter an Schulter mit Israel – zur Friedensherrschaft des Gottes Jakobs bekennen (V 12).

 

 

Ein feste Burg …

 

Psalm 46 hat einst Martin Luther zu seinem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ inspiriert und Johann Sebastian Bach zur gleichnamigen Kantate. Beide, Luther wie Bach, wollten nicht nur an Vergangenes erinnern. Sie ermutigen uns heute, hier und jetzt dazu, dem Gott des Friedens, von dem die Bibel spricht, Raum zu geben und unseren je eigenen Beitrag zu leisten, dass seine Pläne Wirklichkeit werden – Frieden auf Erden. Mit Gottes Hilfe, durch intensives Gebet und tatkräftiges Handeln sollte dies möglich sein!

 

Prof. Dr. Franz Sedlmeier, Universität Augsburg

Nächste Nummer:

„Du sendest deinen Geist aus […] und erneuerst das Angesicht der Erde“ (Ps 104,30).

Ps 104 – und die Hoffnung auf eine erneuerte Schöpfung

 

 

Die Völkerwallfahrt zum Zion (Micha 4,1–5)

1 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen Völker. 2 Viele Nationen gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. 3 Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. 4 Und ein jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf. Ja, der Mund des HERRN der Heerscharen hat gesprochen. 5 Auch wenn alle Völker ihren Weg gehen, ein jedes im Namen seines Gottes, so gehen wir schon jetzt im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und ewig. 

 

Die Friedensbotschaft des Auferstandenen (Joh 20,19–23)

Der Friede des Auferstandenen ist eng verbunden mit der Gabe des Heiligen Geistes und der Sündenvergebung.

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. 

 

 


[1]     Vgl. Jes 32,17.

[2]     „Recht und Gerechtigkeit sind die Stützen seines Thrones“ betet der Psalmist und sieht darin die Stabilität der Schöpfung und der Völker begründet. Vgl. auch Ps 97,2 und Jes 9,5–6.

[3]     Es ist sachlich problematisch, wenn gewaltbesetzte Texte des Alten Testaments der Friedensbotschaft des Neuen Testaments gegenübergestellt werden. Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gewalt und Friedensvisionen finden sich bereits in den Büchern des Alten Testaments.

[4]     Korach und die nach ihm benannten Korachiter gehören neben Asaf und den Asafitern zu den Sängergilden am zweiten Tempel in der nachexilischen Zeit. Sie sind nicht zu verwechseln mit der Rotte Korachs, die nach Numeri 16 in der Wüste gegen Mose aufbegehrt und dafür empfindlich bestraft wird.

[5]     Ein weiteres Gliederungselement ist die in den Text eingefügte Randnotiz „Sela“, die nicht mit Sicherheit zu deuten ist. Martin Buber übersetzt mit „Empor!“. Die griechische Bibelausgabe gibt das Wort mit „Zwischenspiel“ wieder. Sela könnte also auf eine Zäsur in der musikalischen oder sprecherischen Darbietung verweisen.

[6]     Vermutlich nimmt der Psalmist Bezug auf den bekannten Text von der Tempelquelle, die nach Ez 47,1-12 im Heiligtum entspringt und heilende Kraft entfaltet, wohin immer die Wasser des Stromes gelangen. Zudem dürfte eine Anspielung an die Paradiesströme gegeben sein (vgl. Gen 2,10-14).

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