In diesem Jahr feiern wir, und ich sage bewusst feiern, den Tod bzw. besser gesagt den Heimgang des heiligen Franziskus vor 800 Jahren. Dieses Jubiläum war Anlass für Papst Leo XIV., ein außerordentliches Heiliges Jahr auszurufen. Der Tod ist in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft mehr und mehr ein sehr ambivalentes Thema. Daher wollen wir das Thema „Tod und Sterben“ aus christlicher Perspektive und ganz besonders im Hinblick auf das Leben und die Spiritualität des heiligen Franziskus von Assisi betrachten.
Das Thema „Tod“ bzw. „Sterben“ ist in unserer heutigen Zeit für viele Menschen ein Tabuthema. Man will sich nicht mehr mit dem Tod und der Vergänglichkeit auseinandersetzen. Die Endlichkeit des menschlichen Daseins wird verdrängt und alles, was auf sie hindeutet, versucht man wegzuwischen. Schönheitsoperationen geben den Anschein ewiger Jugend. Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörten das Altern und die dazu gehörenden Zeichen, wie zum Beispiel Falten, graue Haare und andere Alterserscheinungen, zum Leben. Heute können wir durch chirurgische Eingriffe und kosmetische Tricks viele dieser äußeren Zeichen verschwinden lassen. Ältere Menschen sehen immer jünger aus und dass das so sein muss, suggeriert auch die Werbung. In der Werbung sehen wir, wie Mittel gegen Vergesslichkeit, gegen andere Altersbeschwerden und Falten angeboten werden. Die Personen, die für diese Mittel Werbung machen, sehen aber nicht im Geringsten alt aus sondern im Gegenteil sie sind oft junge Menschen. Auch bei all der Werbung für sämtliche Medikamente sehen wir keine wirklich kranken Menschen sondern gesunde und jung aussehende Menschen, die Kranken und Alten zeigen wollen, was für sie gut sein soll. Tod und Endlichkeit haben keinen Platz in der Werbung und auf den Bühnen der Welt. Man möchte junge, gesunde, sportliche, schöne und erfolgreiche Menschen sehen. Doch all das verhindert nicht, dass wir weiterhin sterblich und vergänglich bleiben. Diese Tatsache der Verdrängung des Todes birgt eine große Gefahr in sich. Einerseits läuft der Mensch in Gefahr, alles Mögliche in die ferne Zukunft hinauszuschieben, denn man glaubt ja, ewig Zeit zu haben. Der große Schock kommt dann aber, wenn man merkt, dass die Zeit abläuft und vieles aufgrund des Älterwerdens plötzlich nicht mehr möglich ist. Dann wird den vielen verpassten Gelegenheiten nachgetrauert. Das andere Extrem ist, dass Menschen ständig neuen Erfahrungen und neuen Erlebnissen hinterherlaufen, aus lauter Angst, sie könnten etwas verpassen. Das führt wiederum dazu, dass nichts wirklich genossen werden kann.
Das Motto „Carpe diem“, auf deutsch „Nutze den Tag“ ist in Vergessenheit geraten. Auch wenn es kein biblisches Zitat ist, ist es doch mit dem biblischen Verständnis kompatibel, denn es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben. Das Gestern können wir nicht zurückholen. Wir können nur vom Guten, was wir getan haben, profitieren und aus möglichen Fehlern lernen. Ob das Morgen eine Realität wird, ist nie sicher, denn niemand weiß, ob uns der morgige Tag noch geschenkt wird. Darum ist es wichtig, im Heute zu leben. Gerade der Evangelist Lukas betont in seinem Evangelium immer wieder das Wort „heute“. Denken wir an die Weihnachtsgeschichte: Heute wurde euch der Heiland geboren. Oder an den Besuch Jesu bei Zachäus: Heute muss ich bei dir zu Gast sein. Und vor allem an die große Verheißung Jesu vom Kreuz herab an den guten Schächer: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.
Im Gegensatz zu denen, die den Tod verdrängen, gibt es jene, die den Tod immer mehr verherrlichen. Filme, Theaterstücke usw. sind immer mehr von Gewalt geprägt und in den Nachrichten ist man geradezu besessen davon, über Gewalt und Tod zu berichten. Das Negative zieht die Menschen auf geheimnisvolle Art und Weise an. Viele befinden sich geradezu in einer Endzeitstimmung. Die Heilige Schrift jedoch zeigt uns einen ganz anderen Weg. Der Tod gehört zum Leben des Menschen dazu. Soweit, dass Gott in seiner Menschwerdung in Jesus Christus dieses Schicksal der Menschen mit aller Konsequenz teilt. Auch Krankheit und Leiden werden in der Bibel nicht geleugnet sondern sind Teil der menschlichen Existenz. Es wird schon bei den Propheten des Alten Bundes, aber vor allem bei Jesus immer wieder betont, dass eine Krankheit oder der Tod nicht die Folge einer persönlichen Schuld oder eine Strafe Gottes sind. Sie gehören zum menschlichen Dasein dazu und erhalten ihren Sinn darin, dass Jesus alles, auch Schmerz und Leiden, Sterben und Tod, mit uns geteilt hat. Der Tod ist durch ihn nicht mehr die Endstation sondern der Übergang in das ewige Leben, das Heimgehen in das Haus des Vaters.
Sterben des heiligen Franziskus auch nicht vom Tod sondern vom „Transitus“, das bedeutet „Heimgang“. Der Heimgang des heiligen Franziskus wird auch in der franziskanischen Liturgie wie ein Ostern gefeiert. Franziskus selber vollzieht nach dem Vorbild Jesu bestimmte Riten wie zum Beispiel das Brechen des Brotes, das uns an den Abendmahlssaal erinnert. Ebenso segnet er alle Anwesenden, Abwesenden und alle Brüder, die noch kommen werden. Und er vergibt, soweit es ihm möglich ist, den Brüdern ihre Schuld. All das sind die österlichen Früchte der Auferstehung Jesu. Jesus, der zum Vater heimgegangen ist, bleibt doch in der Eucharistie, in der Vergebung und in seinem Segen unter uns. Wir wissen durch die Verheißung Jesu, dass auch unsere Verstorbenen weiterhin mit uns verbunden bleiben, dass sie nicht im Nichts verschwinden sondern heimgehen. Wenn ich heimgehe, braucht das ein Ziel. Dieses Ziel ist das Haus des Vaters, in dem Jesus für einen jeden von uns eine Wohnung bereitet hat. Wenn wir den Transitus des heiligen Franziskus feiern, verherrlichen wir nicht den Tod sondern danken Gott dafür, dass das Leben nicht einfach endet sondern weitergeht. Der heilige Franziskus selber bezeichnet den Tod im Sonnengesang als seinen „Bruder“. Den Sonnengesang, der so erfüllt ist von Lobpreis und Freude, hat der heilige Franziskus nicht geschrieben, als es ihm gut ging, wie viele meinen, sondern erblindet und unter großen Schmerzen auf seinem Krankenlager. Für ihn war es gerade in diesem Lebensabschnitt wichtig, Gott für all das Schöne, was er geschaffen hat, zu danken und in allem das Gute zu sehen. So wurde auch der Tod nicht zum Feind, der das Leben beendet, sondern zum Bruder, der ihn aus der Vergänglichkeit in die Ewigkeit führt.
Wir als Christen sollen den Tod daher nicht fürchten sondern auf den österlichen Sieg Jesu vertrauen. Das Beispiel des Sterbens der Heiligen gibt uns dabei Kraft und Mut. Auf keinen Fall dürfen wir den Tod verherrlichen oder den Tod künstlich herbeiführen. Jedes Leben, auch eines Alten, Kranken, Behinderten oder Ungeborenen, ist kostbar und von Gott geschenkt. Ihm allein steht die Macht zu, Bruder Tod zu senden, um uns heimzuholen. Nehmen wir daher dankbar jeden Tag als ein Geschenk Gottes an. Verdrängen wir unsere Endlichkeit nicht, sondern denken wir bewusst daran, nicht aus Angst vor dem Tod sondern aus Dankbarkeit gegenüber dem Leben, das uns so viele Möglichkeiten zum Guten schenkt und von dem Jesus sagt, dass er will, dass wir es in Fülle haben. Im Vertrauen auf den Herrn und auf die Fürsprache des heiligen Franziskus wollen wir unser Leben leben und den Tod als den Weg zum Ziel im Herzen Gottes erwarten, den Platz, den Jesus uns bereitet hat, und an dem er und die Heiligen und alle, die uns vorausgegangen sind, uns erwarten.