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Psalmen – Gebete auf dem Weg /Teil 12

 „Du sendest deinen Geist aus […] und erneuerst das Angesicht der Erde“ (Psalm 104,30)

 

 

Psalm 104 – und die Hoffnung auf eine erneuerte Schöpfung

 

Die Beterinnen und Beter der Psalmen erfahren die Welt, in der sie leben, mit all den Unwägbarkeiten und Bedrohungen. Sie kennen die vielen Gesichter der Not, die ihr Leben gefährden. Und sie sprechen diese in ihren Klage- und Bittgebeten vor Gott aus. Der biblische Mensch versteht aber auch zu staunen: zu staunen über die Schöpfung, die ihn umgibt. Fasziniert von ihrer Schönheit und von der geheimnisvollen Ordnung, die sie durchwaltet, findet er in ihr die Spuren des Schöpfers. „Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ (Weish 11,20). Hinter der Schöpfungsordnung nimmt er – tiefer blickend – die Liebe des Schöpfers wahr: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen“ (Weish 11,24). Gottes barmherziger Blick ruht auf all seinen Geschöpfen: „Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens“ (Weish 11,26).

 

Mit den Psalmen die Schöpfung entdecken

 

Wem staunend die Größe und Weite des Weltenalls aufgeht, der erlebt zugleich, wie klein und verletzlich er ist: „Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8,4–5). Und doch ist dieser Winzling „Mensch“ mit einer von Gott gegebenen Würde ausgestattet: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit“ (V 6). Erleuchtet und geführt von der lichtvollen Gegenwart Gottes („gekrönt“, „Pracht“, „Herrlichkeit“) kann der Mensch seinen Herrschaftsauftrag ausüben und die Schöpfung im Sinne Gottes bewahrend gestalten. 1

 

Psalm 104 als Schöpfungspsalm2

 

Psalm 104 ist einer der großen Schöpfungshymnen der Bibel. Als hymnischer Lobpreis beginnt er mit einer Selbstaufforderung des Beters zum Lob des Schöpfers, die am Ende des Psalms wiederkehrt: „Preise den HERRN, meine Seele!“.3 Das beginnende Loblied wendet sich in V 1b-2a an den göttlichen König: „HERR, mein Gott, überaus groß bist du! Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet. Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel."4

Das doppelt gerahmte Korpus des Psalms umfasst V 2b–30 und nimmt die gesamte Schöpfung in den Blick, die nach dem dreiteiligen altorientalischen Weltbild geordnet ist: „Himmel“ (V 2b–4), „Erde“ (V 5–24) und „Meer“ (V 25–26). Die sich anschließenden V 27–30 führen über die bloße Betrachtung der Schöpfung hinaus. Sie sprechen von der Verwiesenheit aller Geschöpfe auf Gott. Gott allein ist es, der den Lebenshunger der Geschöpfe zu stillen vermag. Die Verse 31–32 (innerer Rahmen) wenden sich erneut der Schöpfungsherrlichkeit Gottes zu, die abschließende Selbstaufforderung V 33–35 (äußerer Rahmen) lässt den Lobpreis Gottes zur bleibenden Grundhaltung des Beters werden.

 

 

V 2b–4: Gott – Schöpfer des Himmels

 

Nach dem Lobpreis des göttlichen Königs (1b–2a) besingt der Beter Gott als Schöpfer des Himmels. Er hat seinen himmlischen Thron wie ein Zelt über die Erde gebreitet und nimmt die Kräfte der Natur (Wolken, Sturm, Winde, loderndes Feuer) als Boten in Dienst, Ausdruck seiner göttlichen Souveränität.

 

V 5–24: Gott, der die Erde ins Dasein ruft und am Leben erhält

 

Besonders ausführlich meditiert der Psalmist Gottes Wirken auf Erden. Das Stichwort „Erde“ in V 5 und 24 rahmt den gesamten Abschnitt. Gott hat die Welt nicht nur ins Dasein gerufen (creatio prima: V 5–9), er erhält sie auch am Leben (creatio continua: V 10–23) und lenkt ihr Geschick (gubernatio mundi). Der Akzent liegt nicht auf der Erschaffung der Erde, die Gott in den Urzeiten erschaffen hat (V 5–9), sondern darauf, dass er seine Schöpfung beständig am Leben erhält (V 10–23). Dabei geht der Psalmist zunächst auf die räumliche, dann auf die zeitliche Ordnung ein, die der Welt eingeschrieben sind.

 

Die Ordnung der Lebensräume: V 10–18

 

In einer Bewegung von unten nach oben beginnt der Dichter unten in den Tälern und beschreibt das unbebaute Land der wilden Tiere (V 10–12), die von Gott genährt und am Leben erhalten werden. Auch wenn sie keine Nutztiere des Menschen sind, gilt ihnen die Fürsorge Gottes. Der Wert und die Qualität von Leben hängen somit nicht am Nutzen für den Menschen. So relativiert der Psalmist einen problematischen Anthropozentrismus5, der das menschliche Nützlichkeitsdenken in die Mitte rückt. Das bebaubare Acker- und Kulturland (V 13–15) führt in die Lebenswelt des Menschen. Gott ist es, der Regen und Fruchtbarkeit schenkt.6 Wo Wachstum geschieht, begegnet der Mensch der geheimnisvollen Gegenwart seines Schöpfers. Das Wachstum dient in besonderer Weise auch dem Menschen, damit er Brot herstellen kann, das ihn stärkt, aber auch Wein und Öl. Während Brot für das Lebensnotwendige steht, verweisen Wein und Öl auf Lebensfülle und Lebensfreude. Vom Wein wird gesagt, dass er „das Herz des Menschen erfreut“, vom Öl, dass es „das Angesicht erglänzen lässt“. Der in die Schöpfung eingebundene und in Einklang mit ihr lebende Mensch erhält, was er zum Leben braucht. Darüber hinaus findet er auch all das, was ihn stark macht, was ihn schön und glücklich werden lässt. Schließlich hebt sich der Blick noch weiter nach oben in die hohen Regionen der Erde (V 16–18). Auch diesen, dem Menschen teilweise unzugänglichen Regionen mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt, gilt Gottes Fürsorge.

 

Die Ordnung der Zeit: V 19–23

 

Der Mond (V 19a) dient den Alten als „Maß für die Zeiten“. Nach ihm werden „Jahr“ und „Monat“ eingeteilt, auch die großen Festtage, mit denen wichtige Ereignisse im Laufe des bäuerlichen und liturgischen Jahres begangen werden. Die Sonne (V 19b) dient zur Einteilung von Tag und Nacht, die den Rhythmus des Lebens prägt. Jedem Lebewesen ist nicht nur ein eigener Lebensraum zugewiesen, jedes trägt zudem eine innere Uhr in sich (V 20–22). Auch dem Menschen ist seine Zeit zugewiesen (V 23), damit er sein Tagewerk vollbringen kann. Ein tiefes Einvernehmen prägt das Leben in der Schöpfung. Alle Lebewesen haben die ihnen zugewiesenen Lebensräume. Sie leben nach ihrer inneren Uhr. In dieses Spiel fügt sich auch der Mensch ein, dessen Leben gerade dadurch glückt, dass er die der Schöpfung innewohnende Ordnung respektiert, akzeptiert und aus ihr und mit ihr lebt.

 

Staunen über die Schöpfung: V 24

 

Mit einem Ausruf des Staunens blickt der Beter zurück auf das Leben, das die Erde beherbergt. Es ist eine Fülle, die Bewunderung hervorruft. In den Worten des Psalmisten:

 

„Wie zahlreich sind deine Werke, HERR,

sie alle hast du mit Weisheit gemacht,

die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“

 

Es ist die Weisheit Gottes, der sich in der Lebensfülle und in der Lebensfreude der Geschöpfe als Freund seiner Schöpfung zeigt. Wer aufmerksam hineinhört in die Schöpfung, der wird nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu seinem Schöpfer geführt – dem Grund und Ziel allen Lebens.

 

Gottes Geist … Lebensprinzip der erneuerten Schöpfung: V 27–30

 

„Auf dich warten sie alle (V 27). Nach einem kurzen Hinweis auf das Meer (V 25–26) – auch diese gefährliche, chaosträchtige Welt ist hier zu einem friedlich bewohnbaren Lebensraum geworden – führt der Psalmist seine bisherige Betrachtung fort. Er blickt noch tiefer. Er sieht alle Geschöpfe in ihrer Verwiesenheit auf den Schöpfer, dem sie sich verdanken:

 

„Auf dich warten sie alle,

dass du ihnen ihre Speise gibst zur rechten Zeit.“

 

Gottes Zuwendung, sein zugewandtes Angesicht, seine geöffnete Hand bedeuten Leben und Fülle. Sein verborgenes Angesicht hingegen ist gleichbedeutend mit Tod. Es ist Gottes lebensspendender Geisthauch, der auch das Tote und leblos Erscheinende (vgl. Ez 37,1–14) zum Leben erwecken kann. Der Schöpfer-Geist ist es, der das Angesicht der Erde erneuert. Dieses neue Leben ist seine Gabe. Man kann sie nicht eigenmächtig an sich reißen oder herrschsüchtig darüber verfügen. Dies führt nur dazu, das Leben in seiner ursprünglichen Art zu verfehlen. Leben im ursprünglichen Sinne meint, sich für die Gabe öffnen, sie erwartungsvoll entgegennehmen und wachsam damit umgehen, im Wissen darum, wem sich das Leben verdankt.

 

Lobpreis als Lebensvollzug: V 33–35

 

Nach einem erneuten Lobpreis des göttlichen Königs (innerer Rahmen: V 31–32) legt der Beter sein persönliches Zeugnis ab. Seine Antwort auf die Gabe und das Geschenk des Lebens soll der fortwährende Lobpreis Gottes sein. Er ist zur Grundmelodie seines Lebens geworden. Zugleich bittet er darum, die Frevler, die die Schöpfung durch Gewalttat korrumpieren, mögen ihren Einfluss verlieren. Am besten dadurch, dass sie von ihrer Gewalttat lassen, sich dem Wirken des Geistes öffnen und in den geistgewirkten Lobpreis Gottes mit einstimmen, der das Angesicht der Erde erneuert.

 

Prof. Dr. Franz Sedlmeier, Universität Augsburg

Nächste Nummer:

 „Dann tragen die Berge Frieden für das Volk“ (Ps 72,3).

Der messianische König und das von Gott kommende Heil

 

 

 

Ps 104,24.27-30

24 Wie zahlreich sind deine Werke, HERR, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. […] 27 Auf dich warten sie alle, dass du ihnen ihre Speise gibst zur rechten Zeit. 28 Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein, öffnest du deine Hand, werden sie gesättigt mit Gutem. 29 Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. 30 Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.

 

Römer 8,18–28: Die Sehnsucht der Schöpfung auf Vollendung hin

18 Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. 19 Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. 20 Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin: 21 Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. 23 Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. 24 Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? 25 Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. 26 So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. 27 Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist. Denn er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.

 

 


[1]     Ps 8,7–9: „Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße: Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.“

[2]     Aufgrund seiner Länge kann Psalm 104 hier nicht abgedruckt werden. Es sei deshalb empfohlen, den Text in der Bibel begleitend zu lesen und zu meditieren.

[3]     Diese Selbstaufforderung im Aufgesang (V 1a) beschließt auch den Abgesang V 33–35 (in V 35b). V 1a und V 33–35 bilden einen äußeren Rahmen um den Psalm.

[4]     Den Versen 1b–2a entsprechen am Ende des Psalms die Verse 31–32: „Die Herrlichkeit des HERRN währe ewig, der HERR freue sich seiner Werke. 32 Er blickt herab auf die Erde und sie erbebt, er rührt die Berge an und sie rauchen.“ Sie bilden somit einen inneren Rahmen um den Hauptteil des Psalms (V. 2b–30).

[5]     Anthropozentrismus = Von Anthropozentrismus spricht man, wenn der Mensch so sehr in die Mitte gestellt wird, dass alles ausschließlich auf ihn, sein Wohl und seinen Vorteil bezogen ist. Doch der Herrschaftsauftrag überträgt dem Menschen die Verantwortung um die Schöpfung, die es nicht auszuplündern, sondern zu bewahren und erhalten gilt.

[6]     In der Umwelt Israels galten Regen und Fruchtbarkeit als Wirkbereich Baals. Demgegenüber betont der Psalmist: Wachstum und Leben sind letztlich eine Gabe von Gott her.

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