Ein Wallfahrtsheiligtum ist nicht nur spiritueller Kraftort, sondern bekanntlich meist auch von ökonomischer Bedeutung. Manch öde Gegend wurde durch die Belebung einer Wallfahrt zu blühendem Land. So geschehen im burgenländischen Seenwinkel. Fürst Paul Esterhazy übertrug 1661 aus seiner Burg Forchtenstein persönlich in weißen Strümpfen ohne Schuhe eine verehrte Marienstatue nach Frauenkirchen. In der sumpfigen Weite hinter dem Neusiedlersee stiftete er sodann ein Franziskanerkloster und ließ ab 1695 einen mächtigen Kirchenbau errichten. Die ganze Gegend profitierte wirtschaftlich ungemein von den einsetzenden Pilgerströmen aus Österreich, Ungarn und der Slowakei. Die Seidenstrümpfe werden heute noch als Kuriosum gezeigt, der Rubel der Heilsuchenden rollt nun eher in die in Sichtweite gelegene Martinustherme. So ändern sich die Zeiten…
Handfeste Ökumene
Die Salzburger Franziskanerkirche gehört wohl zu den schönsten der Ordensprovinz. Als spiritueller Ort ist sie weitum geschätzt und gerade als Beichtkirche gesucht. Die Madonna am Hochaltar hat es den Menschen in ihrer innigen Einfachheit besonders angetan. Der Pustertaler Künstler Michael Pacher (+1498) soll dem Letztwerk seines Schaffens die Züge der eigenen Frau verliehen haben. Am Hohen Frauentag, dem 15. August, wird das Patrozinium stets feierlich begangen. Nach dem Krieg, als die Gestapo das Kloster in Beschlag genommen und den Garten planiert hatten, mangelte es am Festtag an Blumen und Grünzeug für die Girlanden. Der damalige Mesner, Br. Jakobon Schönegger (+1995), wusste der Not geistreich abzuhelfen. Wenn die Evangelischen es schon nicht so mit der Gottesmutter haben, sagte sich der einfältige Laienbruder, sollen sie wenigstens auf andere Weise Maria die Ehre erweisen. Gedacht, getan: In der Nacht räumte er den Garten des evangelischen Pfarrhauses in der Schwarzstraße ab und zierte den Hochaltar auf das Schönste. Damals trieb die Marienfrömmigkeit in Salzburg in der Tat protestantische Blüten.
Unter Kaisers Krummnase
Etwas abgelegen von den Hauptverkehrsrouten liegt der beschauliche Wallfahrtsort Maria Lankowitz. Einst logierte dort in finstrer Burg Kaiser Friedrich III., um in der Waldeinsamkeit jener Gegend nach feinem Wildpret zu jagen. In Begleitung sein Sekretär Eneas Silvio Piccolomini, der später gar als Pius II. den Papstthron erklomm. 1455 übergab der Kaiser dem energischen Franziskaner-Prediger Johannes von Capistrano Burg samt Kapelle. Ein Kloster wurde eingerichtet, ein Gnadenbild der Muttergottes verehrt, die Wallfahrt in Schwung gebracht. Nie verklang fortan das Marienlob der Brüder aus edlen Notenbüchern gemalt auf Pergament. Sogar eine Ordenshochschule wurde eingerichtet, wovon die weitläufigen Gebäude noch heute künden. Vom Ehrenplatz im ehemaligen Burgpalast schaut heute noch der Stifter vom mittelalterlichen Tafelbild – Ehrfurcht einflößend mit gekrümmter Nase, versteht sich, dem Markenzeichen der Habsburger.
Zwischen Suppe und Schnitzel
Zum Erstaunen geladener Gäste wird an hohen Festtagen und Namenstagsfeiern bei Tisch zwischen erstem und Hauptgang ein Totengesang angestimmt, das „Ultima“, betitelt nach dem lateinischen Textanfang. In den schönsten Momenten des Lebens erinnert dieser Brauch an die Vergänglichkeit und lädt Maria in kindlichem Vertrauen ein, in der Sterbestunde beizuspringen. Mit inbrünstiger Andacht haben sich die Minderbrüder immer schon der Fürsprache der Gottesmutter Maria anvertraut. Der heilige Franziskus selber dichtet ihr zu Ehren ein wunderbares Gebet, der große mittelalterliche Philosoph in brauner Kutte, Johannes Duns Scotus (+1308), bereitet die Lehre von der Immakulata vor und Franziskanerkomponisten widmeten der Himmelskönigin unzählige Hymnen und Lieder. Zum Lebewohl wird einem jedem Bruder das „Ultima“ noch einmal am Grab gesungen, wie einst schon dem Komponisten der innigen Weise P. Uriel Hauser im Jahr 1784 am Schwazer Friedhof.
Das Kreuz mit den Klosternamen
Früher war es Pflicht, bei der Einkleidung einen neuen Namen anzunehmen, um sozusagen den alten Menschen ganz abzulegen. Heute geschieht dies eher freiwillig. Unter humanen Provinzialen durfte der Kandidat zumindest einen Dreiervorschlag an Namen einreichen, aus denen er bei der Einkleidungsfeier einen zugeteilt bekam. Die Mutter des P. Anaclet Ruedl (+1932) aus Kaltern, Professor an den Ordensgymnasien in Bozen und Hall, litt zeitlebens sehr unter dem ungewöhnlichen Klosternamen ihres Franzl, wie er mit Taufnamen hieß. 1904 machte sie sogar eine flehentliche Eingabe beim P. Provinzial, dass ihr Sohn doch umbenannt werden möge. Mit Erfolg! Von nun an wurde er P. Valentin gerufen. Die spöttischen Mitbrüder hatten sich freilich sehr schnell ihren Reim auf den ungewöhnlichen Vorgang gemacht: „Als er jung war, lieb und nett, hieß er P. Anaclet; als die Schönheit war dahin, hieß er P. Valentin.“
Der Robin Hood von Schwaz
Wenn es darum ging, bedürftigen Familien eine warme Mahlzeit zu verschaffen, hat es der legendäre Schwazer Krankenpater Chrysolog Bartl (+1934) mit dem 8. Gebot nicht so genau genommen bzw. vertrat er eine eigenwillige Auslegung. So verschwand auf seinen ausgedehnten Versehgängen nicht selten ein Hahn oder eine Henne vom Misthaufen so manches Bauerngutes unter seinem wallenden Lodenmantel. Die Bevölkerung verehrte ihn dennoch innig, begleitete er doch über mehrere Jahrzehnte fast jeden Einwohner in der letzten Stunde. Gar für heiligmäßig hielt man den wackeren Franziskaner. Bei Lebzeiten verbat er sich streng diesen Personenkult und drohte, sich im Grabe umzudrehen, sollte man bei seinem eigenen Begräbnis viel Aufhebens machen. Dennoch gaben ihm über 7000 Leute das letzte Geleit. Beim Einsenken kam nun tatsächlich den „Leichenfladerern“, wie man die Bestatter damals nannte, der schlichte Sarg aus und der gute Mann mit dem Gesicht nach unten im Grab zu liegen.
Eine Organspende für den heiligen Antonius
Bei Personen höheren Standes war es Tradition, nach dem Tod die sezierten Innereien fein getrennt an besonderen Gnadenorten deponieren zu lassen. Freilich zum Unmut der heiligen Engel, die bei der leiblichen Auferstehung wieder alles zusammen suchen müssen, wie der Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus schreibt. Besonders das Haus Habsburg zeigte eine gewisse Freude an diesem makabren Brauch. Nun geschah es, dass der Tiroler Landesfürst Erzherzog Ferdinand Karl nach einem Jagdunfall im Südtiroler Überetsch in den Armen des herbeigerufenen Franziskanerguardians P. Casimir Schick von Kaltern 1662 sein irdisches Dasein aushauchte. Zum Dank für diesen letzten Dienst erhielt das Gnadenbild des heiligen Antonius in der Kalterer Franziskanerkirche die Eingeweide des verblichenen Landesfürsten. Eine kunstvolle lateinische Inschrift samt marmornem Wappenstein beim Altar des Wundertäters erinnert noch heute daran.
Im Land der Pharaonen
Der unglaubliche Aufbruch der Kirche im 19. Jhdt. führte Missionare in alle Winkel der Erde. Die Weltgegenden wurden damals von Rom aus quasi wie am Reißbrett unter den Ordensgemeinschaften zur Evangelisierung aufgeteilt. Die allgemeine Begeisterung erfasste auch die Franziskaner in Tirol. Etwa 20 junge Brüder meldeten sich für Oberägypten. An einer gediegenen Vorbereitung schien es zu mangeln. Land und Leute, vor allem aber das Klima machten den Älplern größte Schwierigkeiten. Nachdem der Provinzial daheim streng verboten hatte, den Habit aus dickem Tiroler Lodenstoff abzulegen, gingen die Neuankömmlinge der Reihe nach an Hitzschlag oder Tropenkrankheiten zugrunde. Als erster starb der Laienbruder Cosmas Baumgartner aus Trautmannsdorf in der Steiermark. Von Fieber geschwächt, fiel er 1862 in Ohnmacht vom Schiff in den Nil und wurde von Krokodilen gefressen. P. Gerard Keller aus Reutte starb als letzter der Gruppe im Jahr 1884 in Tahta am Oberlauf des Nil. Seine wertvollen Tagebuchaufzeichnungen fanden auf Umwegen in die Heimat und werden heute als wichtige Quelle der Missionsgeschichte im Franziskanerarchiv in Hall in Tirol verwahrt.