Alle sind satt geworden
Es ist ein schöner, sonniger Tag. Plötzlich sind da so viele Leute in unseren Dörfern! Dort, wo sonst die Schafe und Ziegen grasen, wo es ganz still ist, sind Rufe zu hören, viele Stimmen, manche laut, manche weinend, Kinderrufe, Babygeschrei, Getrampel, stockende Schritte, energisches Voranschreiten, fröhliches Hüpfen, die schleppenden Schritte der Alten! Viele Männer, manche tragen die Alten auf dem Rücken ... alle gehen die Hügel hinauf, um diesen Mann zu hören. Auch meine ganze Familie rennt ihm nach! Rabbi Yeschua nennen ihn viele. Das heißt JESUS der Lehrer – und alle sind glücklich und froh, wenn sie ihm zugehört haben.
Nur ich, die vierte Tochter des Kleinbauern Ruben, kann nicht mit, ich habe seit meiner Geburt verdrehte, viel zu dünne Füße. Ich muss zu Hause bleiben, dabei habe ich gehofft, dass er an unserem Haus vorbeigeht. Er soll auch viele Behinderte, Kranke und Krüppel – so wie ich eine bin – geheilt haben. Ich bin ja nur geduldet und muss froh sein, wenn ich die Speisereste der Familie zu essen bekomme. Ich arbeite ja nicht so viel wie alle anderen.

Langsam wird es wieder still im Dorf. Die vielen Menschen haben sich um Jesus versammelt und ich höre nur einzelne Worte, die der Wind zu mir herunter trägt: Vater unser und Frieden und auch LIEBE, auch HIMMEL ... Ich höre angestrengt zu, doch langsam werde ich müde und hungrig. Die Sonne verschwindet, die Schatten werden länger, dann höre ich plötzlich Jubel, Schreien, Gelächter, Händeklatschen und wieder Stille: Dann kommt mein Bruder angerannt. Er trägt einen Korb mit vielen goldgelben Broten und Fischen am Kopf. „Essen gibt es!“, ruft er fröhlich. „Da gibt es noch elf Körbe voller Essen, das könnten wir verkaufen!“ Ich freue mich und greife zu. Gut, die Brote sind angebissen, bei manchen Fischen ist nur mehr das Rückgrat und die Gräten ... aber mir hat es köstlich geschmeckt. Ich danke Gott!
„Gib acht auf den Essenskorb! Ich will noch mehr!“, ruft mein Bruder noch und ist schon wieder verschwunden. Ich habe die leckeren Brote schön geordnet, die Fischgräten entfernt und stelle den Korb auf eine Bank vor dem Haus. Ob dieses Essen auch von dem Jesus kommt?
Plötzlich steht da ein Bursche: „He, Krüppel, schenk mir deine Brote!“ Grinsend greift er in den Korb, krallt sich eines, beißt ab, spuckt es wieder aus, reißt den Korb mit den so gut schmeckenden Speisen an sich – und ehe ich noch aufschreien kann, ist er damit verschwunden. Ich sitze da und bin sehr, sehr traurig und weine...
Da kommt auch schon mein Bruder gelaufen: „He, wo ist der Korb? Kann man dich nicht eine Minute aus den Augen lassen? Ich hab gesagt, du sollst aufpassen! Die Brote wollte ich verkaufen, wenn die Leute wieder kommen! Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen.“ Schimpfend geht er weg. Es wird langsam Nacht, es ist fast feierlich still. Ein Leuchten ist in den Gesichtern der Menschen. Nur ich, ich, das verkrüppelte Mädchen, bin unglücklich. So sitze ich allein vor unserem ärmlichen Zuhause. Meine Eltern und Geschwister sind noch immer nicht bei mir, vielleicht reden sie mit Freunden über den Lehrer Jesus? Ich bin, wie so oft, ganz allein und schaue auf den Hügel hinter unserem Haus. Der Mond ist erschienen, er beleuchtet eine Gruppe von Männern. Eine Gestalt löst sich und kommt vom Berg herunter, direkt auf unsere Behausung zu. Ich sehe einen Menschen, hell und strahlend. Ich höre nichts und bin wie festgenagelt von der Ausstrahlung des Mannes, der direkt auf mich zukommt. Dann kniet er schweigend vor mir nieder, berührt lächelnd meine verkrüppelten Beine. Dann umarmt er mich und segnet mich schweigend. In diesem Augenblick ist der Himmel für mich offen. Ich weiß, es ist Jesus, der Herr, und ich bin so glücklich und die Zeit bleibt stehen.
Dann mache ich die Augen wieder auf, neben mir steht ein Korb mit den Broten und den Fischen, aber frisch – und Jesus, der Herr, ist weg...
Voll Glück und Jubel in meinem Herzen springe ich von der Bank und bemerke gar nicht, dass meine Füße gerade sind und ich kann – laufen und laufen und laufen...


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Einsendeschluss: 15. Dezember 2026
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