Am 17. Oktober 2025 hat Papst Leo XIV. Josef Grünwidl zum neuen Erzbischof der Erzdiözese Wien ernannt. Zuvor war er schon am 22. Jänner 2025 von Papst Franziskus zum Apostolischen Administrator der Erzdiözese ernannt worden.
Josef Grünwidl wurde am 31. Jänner 1963 in Hollabrunn in Niederösterreich geboren und wuchs in Wullersdorf auf. Er besuchte das erzbischöfliche Gymnasium in Hollabrunn, wo er 1981 maturierte. Im Anschluss an die Schulzeit trat er in das Priesterseminar Wien ein und studierte Theologie an der Universität Wien, gleichzeitig absolvierte er ein Studium im Konzertfach Orgel an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien.
Im Jahre 1987 verfasste er beim Dogmatiker der Universität Wien Josef Weismayer seine Diplomarbeit mit dem Thema „Das Leiden ist in Gott, zur Kreuzestheologie Jürgen Moltmanns“. Im selben Jahr wurde er durch Weihbischof Helmut Krätzl zum Diakon geweiht. Die Priesterweihe erfolgte am 29. Juni 1988 im Stephansdom zu Wien durch Franz Kardinal König.
Verschiedene Aufgaben führten ihn in die Pfarreien St. Johannes Nepomuk Wien und die Dompfarre Wiener Neustadt, nach Kirchberg am Wechsel und zuletzt in die Pfarre Perchtolsdorf. Des Weiteren war er Diözesanjugendseelsorger, Sekretär von Christoph Kardinal Schönborn, sowie zuletzt Bischofsvikar für das Vikariat Süd.
Seine Weihe zum Erzbischof fand am 24. Jänner 2026 im Wiener Stephansdom statt.
Die Weihe vollzog der emeritierte Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn zusammen mit dem Vorsitzenden der österreichischen Bischofskonferenz Franz Lackner und dem Bischof von Leitmeritz Stanislav Pribyl.
Anlässlich seiner Weihe zum Erzbischof sagte Josef Grünwidl: „’Wenn das, was ich für euch bin, mich erschreckt, gibt mir das, was ich mit euch bin, Zuversicht: für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.’ Diese Worte des heiligen Augustinus, der einer der großen Theologen und Bischöfe der Kirche war, machen mir Mut.“
Sein Wahlspruch ist: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“ (heiliger Ignatius von Antiochien).
Als Gebetsgemeinschaft fühlen wir uns in besonderer Weise mit unserem neuen Erzbischof verbunden. Seine Worte „für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“ rufen uns dazu auf, für unseren Hirten und Mitbruder im Glauben zu beten. Gleichzeitig haben sie uns ermutigt, uns am 24. Februar 2026 mit der Bitte, die geistliche Schirmherrschaft über unsere RSK- Gebetsgemeinschaft in der Nachfolge von Christoph Kardinal Schönborn zu übernehmen, an ihn zu wenden.
Am Hochfest des heiligen Josef erhielten wir die Zusage unseres neuen Erzbischofs, dieses Amt zu übernehmen; gleichzeitig brachte er seine Dankbarkeit für das Wirken und die Gebetsverbundenheit des RSK zum Ausdruck.
Wie die Überschrift sagt, wünschen wir unserem neuen Erzbischof viele segensreiche Jahre im Dienst als Hirte der Erzdiözese Wien und als Bruder an unserer Seite.
P. Elias van Haaren OFM
Für Sie persönlich /306
Heuer begehen wir das 800. Todesjahr des heiligen Franz von Assisi (+ 1226). Aus diesem Anlass setzen wir in unserer Zeitschrift diesmal franziskanische Themenschwerpunkte. Bereits im Titelbild begegnet uns Franziskus: die Gottesmutter Maria reicht ihm das Jesuskind, mit inniger Liebe betrachtet der Heilige das göttliche Kind, Jesus blickt Franziskus zärtlich an und liebkost ihn an der Wange.
Über die innige Beziehung des Heiligen zur Gottesmutter Maria schreibt P. Oliver Ruggenthaler OFM in seinem Beitrag „Maria und Franziskus“; P. Elias van Haaren OFM hat das Thema „Franziskus und die heilige Eucharistie“ aufgegriffen.
Unsere Gebetsgemeinschaft ist mit Franz von Assisi besonders verbunden. Der Gründer, P. Petrus Pavlicek, war Franziskaner, ebenso sein Nachfolger P. Benno Mikocki und der jetzige geistliche Assistent P. Elias van Haaren.
Die Zentrale des RSK befindet sich im Wiener Franziskanerkloster. Wir bemühen uns, nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi, die Bescheidenheit und Armut, die er vorgelebt hat, auch in unseren Büroräumen zu verwirklichen. Unsere Räumlichkeiten sind einfach ausgestattet, die finanziellen Mittel der Gebetsgemeinschaft kommen von freiwilligen Spenden. Diese sind manchmal sehr knapp und es braucht oft großes Vertrauen auf unsere „Finanzministerin“, die Gottesmutter Maria, um alle eingehenden Rechnungen begleichen zu können.
Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief, der mich sehr berührt hat: Frau Theresia aus Deutschland schrieb folgendes: „Mein Ehemann ist vor zwei Jahren mit 82 Jahren verstorben. Er war meine Stütze, ich bin gehörlos und 81 Jahre alt. Dennoch bin ich täglich bei der heiligen Messe, obwohl ich weder Predigt noch Orgel vernehmen kann. Vorne beim Tabernakel ist ER am Kreuz, mit IHM kann ich reden, ER versteht mich. Es muss getragen werden.“
Gehörlose Menschen können sich oft schwer artikulieren, da sie ja nie jemanden sprechen gehört haben. Deshalb vertraute Frau Theresia darauf, dass Jesus sie versteht. Und sicher wird Jesus sie nicht nur verstehen, sondern ihr auch innerlich antworten.
Hören, etwas ganz Wichtiges, aber für viele nicht selbstverständlich.
Bei der Verklärung Jesu am Berg Tabor öffnete sich der Himmel und eine Stimme sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören“ (Mt 17,5).
Hören auf das Wort Jesu in der Bibel, aber auch hinhören auf manche Nöte der Menschen, das ist unsere Aufgabe als Christen.
Wie wichtig ist es doch, Menschen zuzuhören, wenn es auch Zeit kostet, manchmal etwas anstrengend ist, aber es gibt viele Einsame, die niemand haben, mit dem sie sprechen können. So sagte mir eine Frau am Telefon, dass sie tagelang (!) mit keinem Menschen gesprochen hat, sie kann kaum mehr aus dem Haus und hat deshalb auch wenig Kontakte.
Es ist wertvoll, wenn man sich manchmal die Zeit nimmt und vielleicht einen Mitmenschen, von dem man weiß, dass er einsam ist, besucht oder telefonisch kontaktiert.
Mit Ihnen in dieser friedlosen Zeit im Gebet um den Frieden verbunden,
Traude Gallhofer
für den Vorstand des RSK
Die Printversion können Sie unter zent@rsk-ma.at gerne anfordern.
Die Gebetsgemeinschaft des RSK steht unter der Patronanz des Erzbischofs von Wien, Josef Grünwidl, und Erzbischof Franz Lackner, Salzburg
"Wer wenig Vertrauen hat, erhält wenig, wer viel Vertrauen hat, erhält viel, wer grenzenloses Vertrauen hat, wird von Gott grenzenlos beschenkt." (P. Petrus)
Die Fürsprache von P. Petrus bei Gott durfte erfahren:
Ich möchte gerne mitteilen, dass ich auf die Fürsprache des P. Petrus wundersame Hilfe erfahren durfte. Nach einer schweren Nierenkolik war zu befürchten, dass eine Operation unumgänglich ist. Nach einem innigen Gebet zu P. Petrus löste sich der Stein offenbar auf und ich konnte ohne weiteren medizinischen Eingriff die Klinik gesund verlassen. Herzlichen Dannk!
R. V., Bayern
In Übereinstimmung mit den Dekreten Urban VII. wird hiermit erklärt, dass den geschilderten Vorgängen kein übernatürlicher Charakter beizumessen ist, solange die oberste kirchliche Behörde kein Urteil abgegeben hat.
P. Petrus Pavlicek OFM hat aufgrund einer besonderen Eingebung am 2. Februar 1947 den Rosenkranz-Sühnekreuzzug, die heute weltweite Gebetsgemeinschaft für Kirche und Welt, gegründet. Der Diözesanprozess für seine Seligsprechung ist abgeschlossen und wird in Rom weiter bearbeitet.
Worte von P. Petrus
"Fangen wir doch wieder an, Jesus im Tabernakel zu besuchen! ... täglich - wenigstens eine Minute"
"Christus kommt in der heiligen Kommunion, um uns gegen den Bösen und gegen das Böse in uns abzuschirmen, um uns mit göttlicher Kraft behilflich zu sein, Gewohnheitssünden und Laster abzulegen und göttliches Leben in uns zu entfalten. Kurz gesagt, um uns zu heiligen."
"Jede heilige Messe ist eine große Gnade und ein Geschenk Gottes an uns.
Wir sollen durch Christus zum Vater gelangen."
P. Oliver Ruggenthaler OFM
Getaucht in die Herrlichkeit des Herrn
Seit vergangenem Jahr haben wir im neuen Refektorium (Speiseraum) des Wiener Franziskanerklosters ein zeitgenössisches Bild vom Letzten Abendmahl hängen. Es stammt von unserem Mitbruder P. Sandesh Manuel, der nicht nur einer breiteren Öffentlichkeit als Sänger und christlicher Influencer bekannt ist, sondern der sich immer wieder auch als bildnerischer Künstler versucht. Religiöse Gegenwartskunst kann zwar immer wieder einmal polarisieren und wird gerade von Insidern nicht selten mit Recht hinterfragt bzw. kritisch oder gar religiös verletzend gesehen. In diesem Falle ist dem nicht so. Die Darstellung und Gestaltung des Bildes von P. Sandesh findet interessanterweise gerade bei älteren Semestern Anerkennung und Akzeptanz.
Thema
Im großen historischen Refektorium des Franziskanerklosters in Wien hängen neben vielen Ordensheiligen an zentraler Stelle zwei Spitzbogenlünetten des Malers Franz Xaver Wagenschön (um 1760), welche die eucharistischen Themen Fußwaschung im Abendmahlssaal und Brotbrechen zu Emmaus aufgreifen, erstaunlicherweise jedoch nicht das in Klöstern gängige Standardprogramm des Letzten Abendmahls selber.
Sozusagen in Ergänzung haben wir P. Sandesh gebeten, ein solches für das neue Refektorium zu malen.
Komposition
Leonardo da Vinci hat mit seinem Letzten Abendmahl für das Refektorium des Mailänder Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie den bis heute gängigen Urtypus der thematischen Verarbeitung und Komposition geschaffen. P. Sandesh greift diesen auf und entwickelt ihn seinerseits weiter. Das zentrale Geschehen jener Nacht vor der Passion des Herrn wird gleichsam in den Raum der Schöpfung gestellt und ihm so eine universale Bedeutung zugesprochen. Das familiäre Paschamahl des Freundeskreises in der Enge des Obergemachs bricht vorausdeutend hin auf den weiten Erdkreis. Der Tafel-Altar steht quasi in den perspektivischen Fluchtlinien allen Seins und wird dadurch zu jenem Mittelpunkt, von dem her und auf den hin alles in Beziehung gesetzt wird. Im Vordergrund sehen wir verschiedene Dimensionen der Schöpfung angedeutet, die durch die Tafel zusammengehalten und vom Geschehen des neuen Paschaereignisses von Christus berührt und durchdrungen werden. Die Komposition lässt spirituell einen franziskanischen Hintergrund erkennen, der Gott, Mensch und Schöpfung in einer Breitenschau verbindet.
Gestalten
In stark reduzierter Formensprache erkennen wir schemenhaft Gestalten um den Tisch versammelt. Entgegen den biblisch angedeuteten Gepflogenheiten ist ihre Körperhaltung weder sitzend noch liegend, sondernd P. Sandesh lässt sie beinahe ausdruckslos dastehen, ohne Gestik und Mimik. Arme oder Hände sind nicht auszumachen, keine Eigeninitiative ist von den Aposteln her zu erkennen. Sie dienen lediglich als zurücktretende Kulisse für das Wesentliche, die aus innen heraus strahlende Mitte. Wie von einer Monstranz goldfließender Dynamik exponiert, können wir den zur Eucharistie gewordenen Herrn erahnen. Von ihm als gleichbleibendem Ruhepol stäuben die Strahlen des goldenen Lichts des Ostermorgens zentrifugal in alle Richtungen auseinander und lassen die Figuren aus dem eigenen Schatten treten. Von ihm her bekommen die Elf zusehends Plastizität und werden von dunkler Masse zu anbrechender Neuschöpfung. Nur der Zwölfte links außen lässt sich offensichtlich nicht durchdringen von der ausrinnenden Strahlkraft der Mitte; er bleibt mit seiner eigenen Geschichte scheinbar beschäftigt, in sich gekehrt und dem unseligen Geldbeutel sich zuwendend, dessen silberner Inhalt gegen göttlich goldenen Lebenskleckser immun bleiben muss. In uns allen schlummert dieses tragische Moment dessen, der im Verrat ausliefernd die eigene Berufung verratend sich selbst der bleibenden Finsternis ausgeliefert hat; es(er) war aber und blieb aber Nacht …
Universum
Wenn wir nun den Blick nach unten gleiten lassen, so treten wir ein in die imaginäre Welt von Puzzleteilen, die in ihrer Gesamtheit das Chaos im Urmeer des Seins andeuten mögen, das noch im Spannungsfeld von Erst- und Neuschöpfung schwimmt. Das ordnende und am Paschaaltar des Abendmahlsaals wieder Fleisch gewordene „Es werde“ ist erst im Anbruch, die scharf abtrennende Horizontallinie zum Ort des belebenden Geschehens hin muss erst durch den quasi eucharistischen Urknall durchdrungen und beseelt werden. Die Goldsträhnen und -patzen göttlicher Herrlichkeit (Kabod) sind erst dabei, sich schaffend, ordnend und Durchlässigkeit ermöglichend herein zu ergießen. Bleibende Neukreation ist im Anbruch, ausgehend vom Herrenleib beginnen die Abgrenzungen aufzuweichen und von den Rändern her bereits zu zerfließen, hineingelöst in die mehr und mehr Raum erfüllende Gegenwart des eucharistischen Erlösers.
Gemeinschaft
Das Abendmahlsbild von P. Sandesh hängt über Brüdern und Gästen, die sich zum Mahl oder geselligem Beisammensein (Rekreation) versammeln. Insofern ist es weit mehr als bloß fromme Deko in moderner Formensprache. Es ist Ermutigung und Anspruch zugleich. Gerade eine klösterliche Gemeinschaft mit einer gewissen Offenheit nach außen hin, darf das Dargestellte beständig als Meditationsbild in Augenschein nehmen. Es zeigt die alles konstituierende Mitte des gemeinsamen Weges, den eucharistischen Herrn in Passion und Auferstehung, der all jene verbindet, die das Dunkel des eigenen Unvermögens in den Lichtkegel Gottes stellen. Geistliche Gemeinschaft mit dem Herrn und untereinander, das gilt natürlich auch für den größeren Kreis der Kirche, ja der ganzen Schöpfung, ist Geschenk Gottes, das es täglich neu dankbar anzunehmen und zu pflegen gilt. Das ist ja zugleich das Wesen der Eucharistie, pure Danksagung für die Gegenwart Gottes, dessen bleibendes Mit-Sein (Immanuel-Sein) Leben ermöglicht, gemeinsames Leben in Fülle.
Dass Jesus von Nazaret mit den Psalmen vertraut war und sie gebetet hat, geht aus den neutestamentlichen Schriften hervor. Der Psalter war um die Zeitenwende ein beliebtes Gebets- und Meditationsbuch. Er ist das alttestamentliche Buch, das am häufigsten in den Schriften des Neuen Testaments zitiert wird. Mehrfach nehmen die neutestamentlichen Autoren auf Psalmen Bezug, um den Weg Jesu als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen zu deuten. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Psalmen, die nach dem Zeugnis der Evangelien Jesus selbst gebetet oder zitiert hat. Dabei verdient Psalm 22 besondere Beachtung, überliefern doch die Evangelisten Matthäus und Markus diesen Psalm als Sterbegebet Jesu (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34): „Mein Gott, mein Gott, warum / wozu hast du mich verlassen?"2 Auch die dramatische Erfahrung der Gottferne und die damit verbundene Not der Sinnleere sind dem Gott-Menschen Jesus nicht fremd.
Psalm 22 - Klagegebet mit großem Lobpreis
Psalm 22 ist ein Klagegebet, in dem ein Beter seine Not vor Gott ausbreitet. Wie bei Psalm 13 ausführlich dargelegt3, zeigt die Klage eine klare Struktur. Sie beginnt (1) mit der Anrede Gottes, selbst wenn dieser als abwesend erfahren wird. Sodann nennt der Beter (2) die Not beim Namen, die in ihren verschiedenen Dimensionen beschrieben wird.4 Auf die Notschilderung folgt meist (3) eine Vertrauensäußerung. Um aus der Not herauszufinden, gilt es auch die Kräfte des Vertrauens zu bündeln. Die (4) Bitte um Veränderung der notvollen Lage durch das Handeln Gottes schließt die Bereitschaft des Beters mit ein, am Veränderungsprozess mitzuwirken. Ein (5) Lobgelübde oder ein Dankgebet beschließt die Klage. Dieser Gebetsweg von der Not, über das Vertrauen und die Bitte bis hin zu Lobpreis und Dank ist zugleich ein therapeutischer Weg der Heilung. Die soeben erwähnten Elemente finden sich auch in Psalm 22, doch sind sie variiert. Um die Abgründigkeit des Leids aufzuzeigen, wird der Klageweg in mehreren Anläufen begangen und in drei Phasen beschrieben (V 2–22). Aber auch der sich anschließende Lobpreis (V 23–32) entfaltet sich in einer dreifachen Bewegung.
V2-6: Von der Klage zum Vertrauen (erste Phase)
V 2–3: Von Gott verlassen: Mit dem doppelten Anruf Gottes „mein Gott, mein Gott“ beginnt der Beter seine Klage, erlebt er doch Tag und Nacht, also allezeit, die Abwesenheit Gottes. Gott, dessen Nähe er sucht, ist ferne. Er antwortet nicht auf des Beters flehendes Gebet, das er in ruhelosen Nächten zu Gott schickt.
V 4–6: Vom Gottvertrauen der Väter: Auf die eröffnende Klage folgt eine erste Vertrauensäußerung. Doch spricht der Beter nicht von seinem eigenen Vertrauen, sondern von dem der Väter. Der Rückblick in die große Glaubensgeschichte des Gottesvolkes zeigt ihm: Das Vertrauen der Väter hat sich bewährt. Sie vertrauten auf Gott und wurden gerettet. Im Lobpreis des heiligen Gottes durften sie an das göttliche Geheimnis rühren (V 4). Die Erfahrung, mit den Vätern und Müttern im Glauben an Gott verbunden zu sein, wird klagenden Betern häufig zur Antwort auf ihre Not. Vom lebendigen Glauben des Gottesvolkes getragen, überwinden sie ihre Einsamkeit. Ganz anders in Psalm 22.
V 7-12: Von der Klage über das Vertrauen zur Bitte (zweite Phase)
V 7–9: Verlorene Menschenwürde: Die Erinnerung an den bewährten Glauben früherer Generationen führt den Beter von Psalm 22 jedoch in eine noch tiefere Not und Einsamkeit. Er erfährt das Gegenteil: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch …“. Spott und Verachtung der Menschen rauben ihm jegliches Selbstvertrauen. Wird der Hohn der Menschen und ihr zynisches Verhalten ihn zugrunde richten?
V 10–11: Du – mein Schöpfer: Während Menschenverachtung ihn zugrunde zu richten droht, wird der Beter auf den Lebensgrund zurückgeführt, auf die Wurzel seiner Existenz. Er geht in einem anderen Sinn „zu-Grunde“. Vom Mutterschoß an – so sein grundstürzendes Gottvertrauen – bin ich geworfen auf dich. Vom ersten Atemzug an bist du mein Helfer. Mit diesem in der Not geborenen Vertrauen auf den Gott seines Lebens, aus diesem Urvertrauen öffnet sich der Gebetsweg erstmals hin zur Bitte.
V 12: Sei nicht fern! Aus der Kraft des Vertrauens heraus wagt der Beter eine erste Bitte, in der der Notschrei von V 2 aufgegriffen wird: „Du bist fern“ (V 2) – „Sei mir nicht fern!“ (V 12). Nicht Gott ist nahe, sondern die Not. Nur Gottes Nähe kann ihn retten. Er ist der einzige wirkliche Helfer, dessen ist er sich gewiss.
V 13-22: Von der Klage über die Bitte zum Vertrauen (dritte Phase)
V 13–19: Vom Tod umfangen: Nach der Bitte von V 12 bricht der Gebetsweg erneut ab und wird zur verzweifelten Klage. Zerstörerische chaotische Kräfte umgeben den Beter und bedrängen ihn außen wie innen, so dass ihm nicht nur der Lebensraum, sondern auch der Lebensatem genommen wird. Wilde Tiere wie Stiere, Büffel und Löwen (V 13–14) gelten in der Ikonographie des Alten Orients als Symbole für das zerstörerische Chaos. Hinter den Tiermetaphern verbirgt sich abgründig die Bosheit von Menschen (V 17: „Hunde“ – „eine Rotte von Bösen“), die den Beter an Leib und Leben gehen. Und wenn sie sich seiner Kleider bemächtigen, dann gilt er ihnen bereits als lebendig Toter. Zugleich erfährt der Beter, wie er innerlich zerbricht, die Lebenskräfte schwinden, seine Identität löst sich auf („mein Herz ist geworden wie Wachs“), die Kommunikation mit der Außenwelt bricht ab („die Zunge klebt mir am Gaumen“). Und das Schrecklichste dabei – Gott selbst scheint in all dem am Werk zu sein: „Du legst mich in den Staub des Todes“ (V 16). Dieser Tiefpunkt der Klage markiert aber zugleich auch die Wende. In seinem abgründigen Leid sucht der Beter Gott nicht länger außerhalb, sondern mitten im Leid. Auch wenn diese Wahrnehmung zunächst unerträglich ist, so wird die befremdend erlebte Nähe Gottes zum Ort der Wandlung.
V 20–22b: Bitte um Gottesnähe und Rettung: Im Rückgriff und in Anspielung auf die Bitte von V 12 und auf die Klage von V 2 wendet sich der Beter in einer vierfachen Bitte an seinen Gott: „Halte dich nicht fern!“ – „Eile mir zu Hilfe!“ – „Entreiße mein Leben …!“ – „Rette mich!“ Dieser eindringlichen Bitte um das rettende Eingreifen Gottes liegt zugleich das Vertrauen zugrunde, dass der mitten in seiner Not gegenwärtige Gott nicht nur die Stärke und Macht besitzt, die chaotischen, lebenszerstörenden Kräfte zu überwinden und zu besiegen, sondern aus der Sphäre des Todes neues Leben zu wecken.
V 22c: Vertrauensbekenntnis: „Du hast mir Antwort gegeben.“ Mit dieser knappen Aussage endet der erste Teil des Psalms. Da die Vergangenheitsform des hebräischen Perfekts auch eine mit Gewissheit erwartete künftige Rettung ausdrücken kann5, lässt sich V 22c als festes Vertrauensbekenntnis deuten, obwohl die Rettung noch aussteht.6
Ein dreifacher, die Grenzen sprengender Lobpreis
Zum Klagegebet gehört als letztes Strukturelement ein Dank oder / und ein Lobpreis. In Ps 22 umfasst dieser Lobpreis, der sich ebenfalls in drei Phasen vollzieht, nicht nur den Beter, sondern weitet sich auf die gesamte Welt aus, ebenso auf Vergangenheit und Zukunft. Das zuvor beschriebene Leiden des Gerechten löst somit aufgrund seiner Rettung ein universales Gotteslob aus.
V 23–25: Lobpreis des Beters und Israels: Mit einer Selbstaufforderung zum Lobpreis wendet sich der Beter an seine Brüder, das ganze Gottesvolk. Alle Kinder Israels sollen in diesen Lobpreis einstimmen. Begründet ist der Lobpreis mit der fürsorgenden Liebe Gottes für die Elenden und Armen.
V 26–29: Lobpreis der gesamten Völkerwelt: Beim Vollzug seines Lobgelübdes weitet sich der Horizont des Beters auf alle Völker hin: „Alle Enden der Erde sollen […] sich zum HERRN bekehren.“ Gebührt doch Gott und nur ihm das Königtum. Er, und nur er ist der wahre Herrscher der Nationen, keiner sonst.
V 30–32: Lobpreis als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nicht nur überall, sondern zu allen Zeiten geschieht der Lobpreis. Der Beter bezieht die bereits Verstorbenen („die in den Staub gesunken sind“) mit ein, aber auch kommende Generationen: das künftige Geschlecht, künftige Generationen, die noch nicht geboren sind. Und dies alles ist das Werk Gottes, der durch das Schicksal des abgründig leidenden Gerechten handelt.
Psalm 22 als Gebet Jesu
Was ist die Botschaft von Psalm 22? Ein von den Menschen Verachteter und Geschmähter verlässt sich ganz auf JHWH. Er durchmisst die Erfahrung der Gottferne, lässt aber nicht los von seinem Gott. Er sucht seinen Gott vielmehr dort, wo er nach gängiger Überzeugung nicht mehr ist und nicht mehr wirkt: im Staub des Todes. Dieser Verachtete, der um sein Gottvertrauen ringt und kämpft, wird von eben diesem Gott gerettet. Er verkündet diese Rettungserfahrung. Sein Zeugnis hat eine Leben verändernde und die Welt bewegende Bedeutung.
Wer ist dieser Mensch? Er ist ein exemplarisch Gerechter. Er ist der Typos eines Menschen, der zu JHWH gehört, der Gerechte schlechthin. Er hängt ganz und gar an seinem Gott. Zugleich ist seine Existenz hingeordnet auf Israel, auf das gesamte JHWH-Volk als ideale Größe. Ja weiter: Das Leben und die Erfahrung dieses Menschen ist bedeutsam für die gesamte Menschheit in Raum und Zeit, also überall und jederzeit.
Den Evangelisten Markus und Matthäus diente dieser Psalm als Vorlage für ihre Passionserzählung. Leben und Sterben Jesu zeigen ein grundstürzendes Gottvertrauen. Seine Rettung, seine Auferweckung aus dem Tod durch den Vater hat eine welt- und geschichtsverändernde Bedeutung: Rettung für alle Welt und alle Zeit. Durch und durch österlich!
Prof. Dr. Franz Sedlmeier, Universität Augsburg
Nächste Nummer:
„Er setzt den Kriegen ein Ende“ (Ps 46,10)
Psalm 46 als Friedenslyrik
Wie ernst das Sterben für den, der an den Vater glaubt, bleibt, ja wird – wer hat uns dies deutlicher gezeigt als Jesus, als der Sohn selbst, im Schrei seiner Gottverlassenheit? Wir können nie mehr auf einem andern Weg in den Tod und durch den Tod gelangen als in ihm, der für uns, an unserer Stelle gestorben, unseren Tod gestorben ist. Und so begegnen wir ihm in unserem Sterben zweimal: Er geht mit an unserer Seite durch den Tod – er erwartet uns zugleich bereits hinter der Pforte. Wir sterben mit ihm und sterben in ihn hinein. Es ist uns nicht verheißen, dass wir dies in jener Stunde als lindernden Trost empfinden werden, aber es ist uns geschenkt, es jetzt glaubend zu ergreifen: Du wirst mitgehen, es wird keine Wegstrecke geben, die nicht in deinem Weg für uns und mit uns drinnen ist.
Bischof Klaus Hemmerle, Gerufen und verschenkt, 54
Osteraugen
Ich wünsche uns Osteraugen,
die im Tod bis zum Leben,
in der Schuld bis zur Vergebung,
in der Trennung bis zur Einheit,
in den Wunden bis zur Herrlichkeit,
im Menschen bis zu Gott,
in Gott bis zum Menschen,
im Ich bis zum Du
zu sehen vermögen.
Und dazu alle österliche Kraft!
Bischof Klaus Hemmerle, Ostern 1993
[1] Da Psalm 22 sehr umfangreich ist, kann nicht der ganze Text abgedruckt werden. Es sei deshalb angeraten, die folgenden Erläuterungen im Text der Bibel mitzuverfolgen.
[2] Das hebräische Fragewort lāmāh bedeutet wörtlich „auf was hin, wozu?“ (lā = zu māh was), stellt primär die Frage nach dem verborgenen Sinn. Insofern ließe sich statt „warum?“ (aus welchem Grund?) besser mit „wozu?“ übersetzen: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“
[3] Siehe die Überlegungen zu Psalm 13, in: Betendes Gottes Volk Nr. 301 (2025/1), S 12–14.
[4] Die Grund-Not besteht meist in der leidvollen Erfahrung der Abwesenheit Gottes. Häufig klagt der Beter auch über das Auftreten von Feinden und Verleumdern oder er bringt seine eigene innere Bedrängnis und Zerrissenheit zum Ausdruck. Damit werden die Grunddimensionen menschlicher Existenz ergründet: Gottes- und Nächstenliebe wie eine gesunde Selbstliebe und Selbstannahme.
[5] Die Hebraisten sprechen vom perfectum confidentiae („Perfekt des Vertrauens“) oder vom perfectum profeticum („prophetisches Perfekt“). Das bedeutet: Ein zukünftiges Geschehen wird im Perfekt formuliert, um die Gewissheit auszudrücken, dass die heilvolle Zukunft bereits Wirklichkeit ist und gewiss kommt.
[6] Andere verstehen die Perfektform des hebräischen Verbums so, dass zwischen vorhergehender Bitte 20–22b und der Vertrauensäußerung ein gewisser Zeitraum anzunehmen sei, eine eher unwahrscheinliche Deutung. Eine dritte Variante: Da das hebräische Perfekt in einigen Fällen auch einen vorausgehenden Imperativ fortführen kann, übersetzen sie V 22c als Bitte. So etwa die Einheitsübersetzung von 1980.
Jesus spricht: ich bin... | Teil 4
von P. Dr. Klemens Stock SJ
Jesus spricht: Ich bin/Teil 4
Ich bin der gute Hirt (Joh 10,1-21)
Die erste Darstellung Jesu, die wir bei den frühen Christen finden, ist die des guten Hirten. Schon die Malereien der Katakomben zeigen den Hirten, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt. In dieser Gestalt finden die Christen ausgedrückt, was sie Jesus verdanken. Sie waren verloren; er hat sich ihrer angenommen und hat sie gerettet.
Ein Schaf, das die Verbindung zu seiner Herde und zu seinem Hirten verloren hat und umherirrt, wird immer kraftloser und ist ständig seinen Feinden preisgegeben. Der Hirt, der es auf seine Schultern nimmt, wird für es sorgen und es vor allen Gefahren schützen.
Das Schaf symbolisiert jeden einzelnen Menschen und alle Menschen zusammen. Sie haben die Verbindung mit Gott verloren, irren mit viel Mühe und Not durch ihr Leben und gehen auf das Ende dieses Lebens im Tode zu. Ihre Rettung kommt durch Jesus, den Gott, der Vater, zu ihnen sendet. Jesus hat ein Herz für jeden einzelnen von ihnen und für sie alle. Er will allen den Weg zum Leben zeigen. Alle zusammen und jedem einzelnen will er vor den vielen falschen Wegen, die in die Irre und ins Verderben führen, bewahren und sie zum Ziel ihres Lebens geleiten. Wer sich Jesus anvertraut und sich fest an ihn bindet, gleicht dem Schaf, das vom Hirten getragen wird und auf seinen Schultern das Ziel erreicht. Ohne diesen Hirten und uns selber überlassen, versuchen wir viele Wege und sind wie Schafe, die viel umherrennen, müde und mutlos werden und nicht zum Ziel kommen.
Der sicherste Weg zum Ziel ist die feste Bindung an Jesus, wie sie sich in dem Bild vom Schaf, das von seinem Hirten getragen wird, ausdrückt. Das Bild zeigt die unbedingte und tatkräftige Zuwendung Jesu zu uns, wie er sich mit allen Kräften für uns einsetzt. Es zeigt aber auch, wie wir Menschen uns Jesus ganz anvertrauen und bei ihm sind. Diese Sicht der Beziehung zwischen Jesus und uns Menschen, wie sie sich im Bild vom guten Hirten ausdrückt, können wir uns, nach dem Beispiel der frühen Christen, nicht genug zu Herzen nehmen und zu leben versuchen.
P. Dr. Klemens Stock SJ
em. Prof. für Neues Testament am päpstlichen Bibelinstitut